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Musisches

  

Windige Sendung

Fernsehen kann zur Unsitte werden. Es wäre eine Möglichkeit, Langeweile zu verdrängen, sich ohne Mühe unterhalten zu lassen, wenn die verplemperte Zeit das Gewissen nicht drückte. Die Sender sind auf Einschaltquoten aus und die scheinen beim Ansprechen der negativen Instinkte des Menschen am höchsten zu liegen. Schadenfreude ist die schönste Freude, heißt es und schon stürzen wir uns auf  „Pleiten, Pech und Pannen“. Der Mensch fühlt sich gut bei peinlichen Talkshows, -  wie dumm, wie primitiv  sind doch die anderen, wie großartig stehe ich darüber.

Mir gefallen Sendungen, die einen Bezug zu meinem Leben haben oder in denen meine Neugier auf das Leben, die Erde, den Kosmos belebt wird. In der Reihe „Magie des Windes“, Regie Paul Scott hat mich der „Atem des Himmels“ berührt

Die Aborigines beschwichtigen die Geister des Windes mit Tänzen. In Japan werden in Schreinen die Windgeister verehrt, die vor 700 Jahren halfen, die Flotte des angreifenden grausamen Mongolenführers Kublakhan zu vernichten. Sie nennen die kriegerischen Geister Kamikaze, es gibt auch friedliche und sie reisen weit, um im Herbst die Madzukanzi, das sind Winde in den Kiefern, zu hören. In den Windgöttern werden Geist, Leben, Schöpfung, Atem in religiösem Zusammenhang verehrt.

 Das Leben des Menschen beginnt mit dem ersten von 600 Millionen Atemzügen,  schluckend, schnaufend, keuchend springt in einem Moment der Magie das Leben an. Der Atem des Himmels freut sich über den neuen Nutzer, den er nun zeitlebens mit Energie und Sauerstoff versorgt.

 Die Chinesen verstehen den inneren Atem als Uratem des Lebens, der Sonne, der Monde, des Windes und spiegeln ihn. Fasziniert von ihren schönen, langsamen Bewegungen,  sahen wir schon früh morgens auf den Straßen Pekings zu.

Später habe ich versucht, es ihnen nachzutun, Tai Chi, diesen Tanz des Lebens zu erlernen. Einmal übten wir mit einer Gruppe in den Lausitzer Wäldern, im gemeinsamen wiegenden Schritt, im gleichem Atem bewegten wir uns wie ein Körper, hörten den leisen Wind in den Bäumen und den Schrei der Kraniche aus dem Bruch.

Wind kann man nicht sehen, aber immer haben Menschen versucht, ihn hörbar zu machen mit ihrem Atem, ihrer Stimme, ihrem Gesang, mit Windspielen, Windharfen.  Immer auch haben Menschen versucht, die Winde zu nutzen, den Vögeln gleich zu fliegen, seine Kraft für Mühlen und Segelschiffe nutzbar zu machen.

Unsere Erde wäre ohne den Wind in der Mitte unerträglich heiß und unvorstellbar kalt an den Polen. Die Zirkulation der Atmosphäre macht unser Leben möglich. Der Wind hält das empfindliche Verhältnis von Stickstoff und Sauerstoff im Gleichgewicht, sorgt für Wärme, Feuchtigkeit, trägt die Samen und verbreitet sie. Er berührt uns sanft, manchmal brutal, er steuert unsere Stimmungen

 Angeregt gehe ich hinaus und freue mich über den Wind, den Unsichtbaren. Ich mag, wenn er mir in Kleider und Haare fährt, mich schiebt und mir mit feinen Körnchen  die Haut raspelt.

Ich spüre meinen Atem, mein Leben.

 

Singen mit Simon Halsey

Seit 2001 dirigiert der Engländer Simon Halsey den Rundfunkchor Berlin. Seine Mitsingekonzerte mit bis zu 2000 Sängern haben inzwischen Kultstatus erreicht. Angefangen hat alles mit einem

Tag für die ganze Familie im Haus des Rundfunks, unser Chor gehörte zu den Eingeladenen. Der Sendesaal des Rundfunkhauses in der Masurenallee erwies sich bald als zu klein und so finden die Konzerte seit Jahren in der Philharmonie statt. Simon Halsey, weltweit gefragt, wurde für seine perfektionistische, leidenschaftliche Arbeit als Chordirigent mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Höhepunkt für mich war die Aufführung von Carmina Burana in der Türkei. Da lernten wir Halsey nicht nur als genialen Dirigenten, der mit seiner bildhaften witzigen Art begeistert, sondern auch als bescheidenen geselligen Menschen kennen, der sich in der Pause mit seiner Cola zu uns an den Tisch setzte und ich sehe noch, wie er In Aspendos im Amphitheater bei Regnen aus seiner Künstlergarderobe stürzte und uns lachend seinen eigens für ihn gezimmerten, oben offenen Verschlag zeigte.

 

Am 8. Mai 2011  wurde das WAR REQUIEM von Benjamin Britten zu Gehör gebracht, ein Auftragswerk zur feierlichen Weihe der wiederaufgebauten Michaels Catedral, der im II. Weltkrieg zerstörten Stadt Coventry.

Vertont sind Worte der lateinischen Totenmesse und Gedichte von Wilfried Owen. Seine Worte: Mein Thema ist der Krieg und das Elend des Krieges. Die Poesie liegt im Mitleid. Alles was ein Dichter tun kann, ist warnen, hat Britten als Motto über das gesamte Requiem gestellt.

 

Ich bin ein bisschen naiv an die Einstudierung herangegangen. Mit Hilfe einer Mitsinge- CD für Altstimme und die dazu gehörigen Noten bereitete ich mich vor, für meine Ohren nicht immer melodisch, aber doch überschaubar, präparierte ich mich. Spätestens bei den gemeinsamen Versuchen einer kleinen Altgruppe, in die Partitur einzusteigen, die Einsatzstellen mit den richtigen Anfangstönen zu finden, kamen mir Bedenken; offensichtlich dem Veranstalter auch, da er kurz vor dem entscheidenden Tag E-Mails verschickte mit zu streichenden Passagen, die der Rundfunkchor allein singen würde und dem Hinweis, wir Sänger müssten entgegen der geplanten Sitzordnung eventuell wegen frei bleibender Plätze enger zusammenrücken. Da wird wohl einige Sänger der Mut verlassen haben, dachte ich.

Die morgendliche Probe mit Klavierbegleitung beginnt für uns Mitsänger. Simon Halsey erscheint, alle Bedenken fallen ab. Er beginnt mitten im Werk. AGNUS DEI meistern wir mühelos und Halsey baut uns mit Lob auf: „Sie sind sehr gut präpariert!“, wenig später, „Oh mein Gott, yous phantastik!“ Dann gesteht er seine Ängste: „Dieses Werk mit Tausend Sängern aufzuführen, ist crazy. Ich bin heute früh um vier aufgewacht und habe gedacht, die Reihenfolge heute ist: 1. Chorprobe, 2.Orchesterprobe, 3.Konzert, 4.Selbstmord!“ Seine lockere Art nimmt uns die Befürchtungen, alles wird mit ihm leicht und mühelos. Er sagt, wie wir uns an den Bläsern orientieren können: „ Die Streicher sind hier nicht hilfreich, die Freunde sind die Holz!“ Wir kommen voran nach seinem strengen Zeitplan, den er minutengenau einhält. Einmal lockert er uns mit: „Eine Frau aus New York ist gekommen, sie glaubte nicht, es ist möglich einzustudieren das Werk in einem Tag.“ Dazu lacht er und gestikuliert: „Wir schaffen das, New York, ha ha ha!“ Beim OFFRETORIUM löst er unsere Anspannung: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich entschuldige mich für das Wort, aber ich m u s s es sagen: Wenn es klingt wie Scheiße, meine Damen und Herren, dann ist es richtig!“ Wir lachen, aber wir glauben ihm sowieso alles, folgen ihm willig. „Wenn es schwierig wird“, verweist er auf den Rundfunkchor, „hören Sie auf die Bassi und Tenori, auf die Stimme von Soprani und Alti!“ Beim LIBERA ME hören wir erneut: „Die Holz spielen mit Sie alles und wenn Sie verloren sind, treffen wir uns in Takt 113!“

Zufrieden gehe ich in die Mittagspause. Eine Sängerin sagt, gibt es etwas Größeres als bei einer solchen Aufführung dabei zu sein? Eine andere meint, mit Simon Halsey würde ich sogar das Telefonbuch singen. Ich gebe ihnen recht, man kann von dieser Art des Singens regelrecht süchtig werden.

Nach der Pause geht es weiter mit Rundfunkchor, Orchester, Solisten und Knabenchor. Halsey springt hin und her zwischen Fugen und Dialogen, SANCTUS und DIES IRAE. Die chromatische Harmonik, die die Intonation erschwert, macht es nicht einfacher. Ich höre das Orchester, die Solisten, den Knabenchor, lausche dem Rundfunkchor, die Holz höre ich zu spät, finde meine Einsätze nicht immer und bin verunsichert. Warum nur habe ich nicht die Angebote für Sonntagsproben mit dem Friedenauer Chor genutzt?

Das Konzert läuft dann besser als gedacht. Voll konzentriert kann ich dem Ablauf folgen, bin Teil dieser gewaltigen Musik. Einmal verliere ich den Faden und mache von dem Wiedereintritt bei Takt 113 Gebrauch. IN PARADISUM gehe ich noch einmal verloren und bin erst beim AMEN wieder glücklich dabei.

Beifall und Beifall für Simon Halsey, der viele Male zurück gerufen wird und auch für alle Mitstreiter. Ob die Sänger wie in den Vorjahren aus Finnland, Italien, Japan, Österreich, Polen, der Schweiz und Australien angereist sind, weiß ich nicht. Nur die New Yorkerin hat Halsey erwähnt, für mehr hatte er die Zeit nicht.

Im Bus bei der Heimfahrt sind mit mir einige Sänger aus Rostock, sie haben sich am Ostbahnhof eingemietet. Eine Konzertbesucherin sagt ihrer Begleiterin: „Die Musik hat mir nicht gefallen, viel zu laut, nur die Chöre waren schön!“ Soll ich mich darüber ärgern? Nein, sie hatte ja nicht dieses Erlebnis des dabei gewesen zu sein. Und außerdem liefert sie mir eine denkbare Erklärung, weshalb ich IN PARADISUM verloren war, es war zu laut, ich konnte nicht hören, wo wir sind.

Na, das ist eine Ausrede, gründlichere Vorbereitung und fleißiges Zählen wären hilfreich gewesen.

Bleibt zu erwähnen, für die Nelson Messe von Joseph Haydn im nächsten Jahr bin ich wieder angemeldet.                                                                                                                                           Mai 2011,  

 

Bäume, die man nie vergisst

 

„Er gehört zu den Bäumen, die ein Gesicht haben, die man nie vergisst,“  lese ich in Strittmatters Tagebuch über einen Baum.

Als ich kürzlich den Sohn befragte: „Wo seid Ihr?“, kam die Antwort: „Autobahn, gerade am Baum vorbei“. „ An welchem Baum?“

„Es gibt nur einen Baum - es ist der, den wir grüßen!“

Das ist die knorrige  alte Eiche, am Kilometer 54 vor Rostock. Von einem Hügel schaut sie weit ins Land. Der Vater hupte ihr stets zu,  wie einen Freund, der uns zuwinkt: „Gleich habt Ihr es geschafft,  nicht mehr weit bis zum Ziel!“

Für mich war diese Eiche in ihrer bizarren Schönheit stets ein Zeichen von Nähe und Heimat.

In jenem Jahr, als der Blitz in sie gefahren war, stand sie mit kahlen, absonderlich grotesken Ästen, zerfetztem Laub. „Gebeutelter alter Baum, wie lange wirst Du noch standhalten? Musst du nun, gleich der gespaltenen  Linde in meinem Kindheitsdorf, weichen?“

Im Jahr darauf, berappelte er sich, hatte einen  starken Ast neu ausgetrieben. Von Jahr zu Jahr wurde die Krone wieder dichter.

Jetzt ist es also der Sohn, der den Zählebigen grüßt, ihn soeben seinem Mädchen vorgestellt hat. Für mich ist dieser Sohn, der austreibende Ast, in dem der Vater fortlebt.


 

Ist die alte Schallplatte noch da?              

 

Auf der Ablage im Flur steht Pferdesalbe, damit besänftige ich meine Arthrose. „Wozu die Salbe?“ „ Wir wollen uns ein Pferd kaufen“, schwind`le ich. „Na das ist ja wieder mal typisch“, sagt die Tochter zu ihren Söhnen, „ein Pferd haben sie noch nicht, auch keinen Stall, aber Pferdesalbe! -  Ist die alte Schallplatte noch da? “

  Ich erinnere mich.  Mein erstes Geschenk für meinen Mann war eine Schallplatte, und das obwohl wir keinen Plattenspieler hatten. Den haben wir im Nachhinein gekauft. Es war eine Platte mit Mireille Mathieu, deren klare, markante, unverwechselbare  Stimme wir liebten, wenn auch die deutschen Texte immer nur von  L´amour und Klischees über Frankreich sprachen, aber diese Stimme! Ich mach mich auf die Suche und ganz hinten in der Sammlung finde ich die Platte in ihrer verblassten, verstaubten Hülle. „Rendezvous mit Mireille“ Amiga -  umrahmt das Profil der Mathieu vor hellem blauen Himmel.

 Unzählige Male haben wir den Liedern gelauscht, uns von der metallischen Stimme verzaubern lassen, wir brauchten Zeit, bis wir eine andere Platte wollten. Sie sang französisch, das verstanden wir zum Glück nicht. Die Texte waren schmalzig und ich habe die Übersetzungen nie zu ende gelesen. Manchmal blitzten Zeilen auf, „an einem schönen Sonntag als wir mit den Fahrrädern unter einem Himmel, so zart wie blaue Seide, rollten;“ aber dann geht`s wieder  „ l´amour l`amour“. Ich höre wieder, lausche, immer noch berührt mich der Klang dieser großen Stimme. 

   Auf der Ablage im Flur steht Pferdesalbe,  damit besänftige ich meine Arthrose. Die Tochter lächelt, wenn ihr Blick darauf fällt.

 

 

Was ich Dir noch sagen wollte:

Lieber Erwin Strittmatter,

da wunderst Du Dich, dass Du nun, da Du dahin gegangen bist woher Du gekommen, ins Nichts, von mir einen Brief erhältst. Das mit dem Nichts habe ich aus Deinem letzten Buch: „Vor der Verwandlung“ und auch, dass Du nicht weißt, wie es da ist.

Lange habe ich über den Sinn der eingeschobenen Geschichte vom Wilhelminele nachgedacht. Aus der Kirche aus und in die Partei eingetreten,  war  sie überzeugt, dass es Eppes gibt, das sie wundersam geleitet hat. Hat sie damit Gott gemeint? Sternendeuter hat sie ihn benamt. Entschuldige, wenn ich in diesem Brief Deine Wörter und Redewendungen ungeniert nutze, sie gefallen mir gar so gut. In meinen eigenen Geschichten mache ich das sparsam und mit allergrößtem Respekt.

 Vielleicht war das Wilhelminele eine Hilfskonstruktion, um dieses Nichts nach der Verwandlung zu ergründen.

Sei unbesorgt. Du  bist immer weiter da, weltweit in 38 Sprachen bei Millionen von Lesern.

Als im Schulzenhof das Päckchen aus Neu Delhi mit dem Ole Bienkopp in indischem Gewande ankam, muss Dir das  tiefste Genugtuung bereitet haben, zumal sich der Bienkopp in der DDR unter größten Schwierigkeiten behaupten musste.

Wenn Deine Frau, die Eva nicht noch etwas von Dir in der Tasche hat, habe ich alles gelesen, was aus Deiner Feder stammt, das meiste ist in meinem Besitz.

Angefangen hat es 1955 mit dem Ochsenkutscher, da war ich 15 Jahre alt. Morgens lag das Buch da, der Vater hatte es mir von der Leipziger Buchmesse mitgebracht. Ich habe es verschlungen von der ersten Zeile:

„Es klatscht. Lope fährt aus seinem Traum in die Wirklichkeit. Seine rechte Wange brennt,“  bis zur letzten: „Lope schaut sich nicht mehr um. Bei der Wegbiegung verschwinden sie im Waldschatten“.

Damals war es der Inhalt, der mich  fesselte. Heute verstehe ich, dass es auch die schöne klare Sprache war, die wirkte.

 Ein anderes Ding ist die Sicht Deiner Augen, sie hilft mir, die Natur zu entdecken: „Ich… sah, dass jedes verwehte Blatt eine Knospe am Zweig hinterließ, ein Blatt-Ei für den künftigen Frühling.“

Durch Dich habe ich meine eigenen Großeltern verstehen gelernt. Dein Großvater war ein Dichter, den das Leben hinderte aufzuschreiben, wie er er die Welt sah:

Wenn im Frühling der Wind mit den zartgrünen Kopfsalatblättern spielte, hieß es bei ihm, „Vorwärts geht`s, der Salat spielt schon mit den Ohren“.

Wie oft ich in meinem Leben Deine vergnügliche Geschichte von „Großmutters Brille“, erzählt habe, kann ich nicht sagen.  Zuerst bemäkelte die Großmutter damit die alt gewordenen Kupankas, dann verhalf sie ihr zur bestürzenden Eigensicht vor dem Spiegel und sie wurde ganz still.

Das Pony Pedro kannte sicher jedes Kind in der DDR, wenn auch manche versteckte Weisheit eher Erwachsene erreichte. Als Pedro mit List, Gewalt und Lockbrot in den Stall hineingetäuscht und gezogen wird:

„Konnte man Pedro die Widersetzlichkeit verübeln? ... Muss man nicht auch manchen Zeitgenossen mit Überredung oder sanfter Gewalt an sein Glück heranzerren?“

Tinko, wurde von mir im Deutschunterricht behandelt, der Kampf des Alten mit dem Neuen zwischen Großvater und Heimkehrer, der sich auf Tinkos Rücken austobt, immer angekündigt durch Wetterlagen in der Natur. „Der Schnee wird dichter, der Frost grimmiger. Die Tage schleichen wie auf Pantoffeln über die Erde.“

Hoffentlich hab ich`s nicht zerredet, wie es dem Studenten passiert ist, der von Dir danach nichts mehr wissen wollte. 

Zum 60. Geburtstag wurde mir Dein „Laden“ als Hörbuch geschenkt. Seither hilft er mir, wenn ich nicht schlafen kann. Ich lausche Deiner Stimme, folge Deinen Gedanken, lasse mich anregen, bewundere Deine Sprache, Deinen Fleiß.

In meinem Besitz ist „ Die blaue Nachtigall“, zwei Stunden hat der Peter angestanden, das Büchlein zu erwerben und signieren zu lassen:

                 Alles Gute! Erwin Strittmatter

Ja Danke! Mir ist Dein Werk lieb und teuer, es ist Teil meines Lebens!                                        E.W.14.3.2009                                                                                                       

 

 

Bis drei müssen Sie schon zählen

 

Leicht ist Musik machen nicht. In der Schule probt die Musiklehrerin mit Kindern auf der Gitarre. Das würde ich auch gern können und gehe mit in ihren Unterricht. Nach wenigen Wochen begleite ich einfache Lieder auf der Gitarre, aber spielen kann ich das Instrument noch lange nicht.

Habe ich nicht mit fünfundfünfzig Jahren die Fahrprüfung abgelegt und kutsche nun stolz mit dem „Golf“ durch die Gegend?

Warum also bei Begleitakkorden stehen bleiben. Kurz vor der Rente melde ich mich zum Unterricht in klassischer Gitarre an. Ich habe Glück. So wie mein Fahrlehrer die Ruhe in Person ist, „lassen Sie die ruhig hupen, die kennen uns nicht“, ist auch  Dieter Görlich von unerschöpflicher  Geduld. Er hat ein Studium an der Musikhochschule absolviert, macht am Wochenende Tanzmusik mit seiner Band und unterrichtet in der Woche Schüler zwischen sechs und fünfundsechzig. Ein einziges Mal in acht Jahren, als ich zum wiederholten Mal den Rhythmus nicht halte und meine Kumpanka aus dem Takt bringe, sagt er, „bis drei müssen Sie schon zählen, Frau Winkel“.

Anfangs benutzte ich die Gitarre meiner Tochter, die wir aus der Tschechoslowakei  mitgebracht hatten.

 Als ich nach den üblichen Anfängerschwierigkeiten nicht aufgegeben habe, aus meinem ersten Kurs bin ich allein dabeigeblieben, besorgt mir mein Lehrer eine wunderbare spanische Quintana aus edlem Holz. Boden und Zargen sind dunkel, die Decke hell, feine Intarsien umgeben das Schallloch. Mit Augen und Händen greife ich danach. Das Instrument hat einen wunderbar warmen  weichen Klang, der den Ohren schmeichelt und das Herz erwärmt. Die neue Gitarre verändert die alten Töne, sie klingen voll und schön.

Wenn ich spiele, bin ich aus der Welt, vergesse die Zeit,  Kummer und Sorgen auch.

Ich liebe leise Töne, die schlichte mittelalterliche Lautenmusik und die irische Folkmusik mit ihren keltischen Wurzeln .Ich mag  jiddische Lieder und fernöstliche Klänge, bei denen die sechs Saiten der Gitarre auf drei oder vier Grundtöne umgestimmt werden. Wenn ich mich an spanische Tänze wage, Stücke von Francisco Tarregga oder Fernando Sor spiele, bin ich mir meiner Unzulänglichkeit bewusst, aber ich bleibe hartnäckig und habe Freude.

 Das größte Vergnügen ist die Erkundung eines neuen Stückes, wenn sich aus Noten und Takten erst mühsam und schwerfällig plötzlich sauber und klar eine Melodie erhebt und wenn der Rhythmus aus dem Notenblatt über den eigenen Körper in die Gitarre schwingt. Maria Linnemann  hat zu dem lustigen Märchen „Der Gockel und die Henne“ ein Lied geschrieben. Sofort fange ich an, das Stück zu gestalten. Das Gackern der Henne muss in den Akzenten, das Gespräch zwischen Hahn und Henne im Wechsel von Ober- und Unterstimme zu hören sein. Ich probiere, bis ich das Gackern und das Hin und Her der beiden vernehme.  Dann  aber kommt das Schwerste, das beharrliche Üben, das fehlerlose möglichst auswendige Spiel. Das mag ich nicht so sehr, das ist meinem bequemen Charakter geschuldet. Die Erklärung, ich habe zu spät angefangen und kann die Meisterschaft eines echten Gitarristen sowieso nicht mehr erreichen, ist eine schlitzohrige Ausrede.

 

                                                                 

     

Das Lied meines Lebens

 

Ja welches denn? Gesungen habe ich solange ich denken kann, viele Lieder  und „das“ Lied gibt es nicht.

Mein Chor singt bei Konzerten häufig und überzeugend ein Lied von Adolphe Adam:

Töne der Freude klingen in die Welt, tragen die Botschaft der Hoffnung hinaus, künden von Freundschaft, von Liebe und Frieden, sie sind die Sprache, die alle verstehn. Musik vereint die Menschen aller Völker, Musik reißt Mauern zwischen Nachbarn ein. Steige empor, du Klang der frohen Töne, empor! Die Freundschaft eint im Strom der Zeit, schenkt Hoffnung auf den Frieden der Welt.  

Zum  75. Geburtstag haben sie es mir vorgesungen, es berührt meine Seele, ich liebe es sehr.

Zuletzt erklang es zum sommerlichen Hofkonzert im ND-Gebäude, atemlose Stille im Publikum, rauschender Beifall!

In fünf verschiedenen  Chören habe ich im Laufe meines Lebens gesungen. Ein Lied war immer da . Matthias Claudius nach einem Gedicht  von Paul Gerhardt:  Nun ruhenalle Wälder .Gesungen  werden in der Regel nur vier von sieben Strophen. So war das auch bei meinem 60. Geburtstag. Der volle Mond schien ins Fenster  des Lokals „Strernchen“ und der Chor sang für mich.

 Einmal hörten wir, mein Mann Peter und ich, in der Abenddämmerung, von jenseits der Wuhle eine einzelne klare Stimme:    

Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar; der Wald steht schwarz und schweiget, und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.

Es fasste uns an, so wie mich bis heute auch das kleine Lied anfasst, das Peter von seiner Großmutter gelernt hatte und das er mir in unseren fünfunddreißig gemeinsamen Jahren immer mal wieder vorsang:

Der Mond sprach zur Sonne ich lieb dich, sag` Sonne liebst du mich denn auch? Dann komm` ich zu dir und ich küss `dich, wie das bei Verliebten so Brauch. Die Sonne jedoch hatte Angst vor ihm, sie lief ihm davon und das ärgerte ihn .So läuft er schon viel tausend Jahre der Sonne im Dauerlauf nach. Seit der Zeit, seit der Zeit, da gibt es die Nacht und den Tag.

Ist das nun das Lied meines Lebens? Ich kann die Frage nicht beantworten. Es ist spät geworden, ich mache das Licht aus.        Und da, ein Zeichen!                                                                                                                                                                            Im Bild an der Wand neben dem Fenster, im dunklen Portrait meines Mannes spiegelt sich der volle Mond.                                                                                                                                          

 


Zwischen  den Zeiten

Der Wind hat den Himmel abgeräumt, türkisblaue Abenddämmerung. Letzte graue Wolken besäumen sich weiß rosa, sie wandern und  schieben eilig davon. Das schwindende freundliche Licht tröstet über den grauen Regentag. Es ist November, der Sturm hat den Bäumen schon vor Tagen das rote Herbstlaub entrissen. Nur noch die hellen Birken wedeln mit gelbdünnem Kleid. Zwei große, wächtergleiche Pappeln halten  in den höchsten Spitzen am Laubwerk  fest. Sie bieten für ein paar dunkle Monate freundlichen  Blick auf den Turm der alten Dorfkirche.                                                                                                                                            Früh in der Regenpause haben mich die Vogelbeeren getröstet. Viele, kräftig rote, umgeben von funkelnden Wassertropfen schmücken die kahlen Äste.                                                                                                                                                                   Die Kohlmeisen aber ziehen den dicken Knödel am Balkon vor, turnen auf der kleinen Kiefer und  picken schwankend und schaukelnd am Futter, eine nach der anderen.                                                                                                                         Misslaunig schaut der Kater hinter der Fensterscheibe auf das Treiben. Wenn aber die Spatzen in Scharen auftauchen und über die wohlfeile Quelle herfallen, zieht er sich mit unbewegter Mine vor dem quirligen Geflatter zurück.                                                          Am anderen Morgen hat sich die Wiese mit weißem Schleier bedeckt.

 

 

Das Glück besteht vielleicht im Staunen können (Henri Douvernois)

Das Glück liegt nicht irgendwo herum, wartend aufgehoben und mitgenommen zu werden. Es ist kein ganz großes Ding für immer, das wir zu verlangen haben. Glück ist vielfältig. scheinbar kleine Dinge und Momente können uns beschwingen und besser machen.

Glück empfinden ist mehr als Glück haben.

„Gerade noch geschafft “, stöhnt der Taxifahrer, als er die werdende Mutter vorm Krankenhaus absetzt. „Vorige Woche hatte ich nicht so viel Glück, das Kind kam in meinem Auto zur Welt.“

Im Kreissaal nimmt die Natur ihren Lauf, Kopf voran stürmt ein kräftiges Baby in die Welt.

„Neun Pfund“, sagt die Hebamme, „ das kommt schon mal vor, aber 59 cm lang, das ist erstaunlich!“

Und die Mutter? Sie sieht das Kind, betastet das Köpfchen, befingert Arme und Beine, staunt über die winzigen Nägel  an den kleinen Fingern und sieht verwundert das Kind, ihr Kind. Sie ist glücklich.

Kinder werden älter, staunen über das Schneeglöckchen im Garten, die Kohlmeise am Fenster und lächeln, wenn im Märchen das Gute siegt.  Die Eltern sind entzückt, die Liebe wächst - bleibt lebenslänglich , ist stärker als auftretende Sorgen.

Was fühlt  eine Mutter, wenn ihr Kind auf die schiefe Bahn gerät. Man hat von Müttern gehört, die sich nicht von einem Sohn, der zum Mörder wurde lossagen.

Das Glück besteht vielleicht im Staunen können? 

Mit Sicherheit lässt mit wachsendem Alter die Fähigkeit  sich zu wundern nach, geht das kindliche Staunen verloren. Solange die Sinne es zulassen, können wir Glück empfinden. Nicht mehr so oft überrascht uns Neues, aber in jedem Jahr wieder erfreuen uns Schneeglöckchen und Kohlmeisen.  Und wer sich am Sonntag statt der ewigen Skandale und Schreckensnachrichten ein Märchen gönnt, staunt wieder über des Kaisers neue Kleider oder den Meisterdieb, weil Verstand Dummheit und Eitelkeit besiegt.

Manchmal verschönen besondere Erlebnisse den Alltag.

 Vor einigen Tagen gab der  Berliner Ernst- Busch-Chor ein gemeinsames Konzert mit dem Oktoberkoret aus Kopenhagen.

Solidarität in der Pause . Mehr als 1000 Euro kommen von den Besuchern für die Elektrifizierung entlegener Bergdörfer in Kuba zusammen. Ich höre auf meine müden Knochen, gehe nicht wieder mit auf die Bühne, setze mich in den Saal, beide Chöre singen, Menschen der Erde reicht Euch die Hand ...

Da - ein Augenblick Glück, das gemeinsame Erspüren einer besseren Welt.                         

 

 

Prager Impressionen

(aus Zwischen Stromsperre und Popcorn)

Prager Sinfonien steht im Programmheft des Konzerthauses. So heißt neuerdings das Schinkelsche Schauspielhaus am Gendarmen Markt. Immer diese Umbenennerei, kann`s nicht mal bei bekanntem Namen bleiben? Ich frage nach, als ich von Renate eingeladen werde, „ welches Konzerthaus, das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt?“ „ Ja.“

Da muss ich mal abschweifen, ihr werdet`s entschuldigen. In Rostock gab`s früher den Alten und den Neuen Markt, etliche Jahre hieß der Neue Markt vorm Rathaus Thälmann Platz. Ich ließ mich nicht beirren und blieb beim Neuen Markt, jetzt heißt er wieder so, da würde ich also ganz umsonst umgelernt haben. Und so bleibe ich, ihr versteht, auch gleich bei Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, das kennt man, das gehört sich so aus Tradition für Schinkel und außerdem begann im Schauspielhaus, das hab ich schon erzählt, mein Chorleben. Konzerthaus, das könnte überall sein, aber das Schinkelsche Schauspielhaus ist einmalig, wer Berlin kennt weiß, wo es zu finden ist.

Ich ärgere mich auch über die Zusammenfassung im Programmheft, Prager Sinfonien, bloß weil die „Lyrische Sinfonie“ von Alexander Zemlinsky in Prag uraufgeführt wurde. In meinen Ohren klingt diese Sinfonie nicht lyrisch, versetzt mich nicht nach Prag und die Gesänge nach  Gedichten von Tagore sind nicht zu verstehen. Zwei Töne des Baritons gefallen mir, zart, verblüffend hoch beim Wort Flöte, das ist zu wenig. Renate sagt hinterher, „ich liebe nicht solche Endzeitmusik.“ Einige Leute verschwinden nach dem ersten Gesang.

Nun aber Mozart, Sinfonie D-Dur, „Prager Sinfonie“, ja das ist sie, das ist Musik, Harmonie. Ich höre und zugleich wandern meine Gedanken nach Prag.

Wieder stöbere ich im Goldmachergässchen, sehe von der Karlsbrücke auf die murmelnd eilende Moldau, spaziere über den Wenzels Platz, bin erschüttert vom überaus engen Friedhof im Jüdischen Getto mit tausenden Grabsteinen und zahllos abgelegten Steinchen, höre die Geschichte vom Rabbi und vom Golem, staune über die räumliche Trennung von Frauen und Männern in der Synagoge, weine über die Bilder der Kinder von Theresienstadt.

Wir wohnten an der Moldau auf einem Hausboot, ich sehe wieder die Enten an meinem Bett vorbeischwimmen. Bei unserer ersten Reise nach Prag war der zehnjährige Peter dabei, aufgeregt vor seinem ersten Flug, musste er während des Starts auf der Toilette hocken. Erst den Rückflug konnte er genießen, klebte am Fenster und bestaunte die Sterne.

Kurios war der Abflug in Prag. Eine halbe Stunde vor dem Start erschien der Kapitän der IL 18 in der Abfertigungshalle, „sind alle da?“ Er zählte uns ab wie eine Schulklasse. „Gut, dann brauchen wir nicht rumsitzen, wir fliegen ab.“ Noch Jahre später lachen wir über, „nicht rumsitzen, wir fliegen ab.“ Beim Zemlinsky Konzert sind wir nicht abgeflogen, sind bis zum Schluss brav sitzen geblieben, aber gelacht haben wir am Tag danach doch noch über den Gegensatz zwischen Gedröhne und Getöse der Musik und den mühsamen Versuchen der Sänger, Tagores Verse, „Du bist die Abendwolke, die am Himmel meiner Träume hinzieht“, überzeugend loszuwerden.

 

 

Prag 2017

Mit Freunden gehen

„Mich interessiert vor allem, wie du mit deinem Hilfsgerät klar gekommen bist“, empfängt mich Amrei.

Ganz wunderbar, leicht und gut zu handhaben hat es mir geholfen, die langen Wegstrecken des Prager Pflasters zu meistern, mich sicher zu stützen und immer wieder auszuruhen. Entscheidend aber war die unermüdliche Zuwendung und Hilfe der anderen Sänger. Hatte ich mich zu Hause noch über unbekannte Hindernisse geängstigt, war ich nun ständig umsorgt. Mein Rolator wurde wie selbstverständlich über Treppen und Einstiege getragen, ich untergehackt, immer wieder nach meinem Befinden befragt, fürsorglich platziert.

Als ich mich vor dem Konzert im Music Museum an die Seite setzen will, werde ich von zwei Sängerinnen in die Mitte genommen. „Das sieht besser aus“, sagen sie.

Was für ein Hochgefühl, ich kann konzentriert mitsingen, Daniels Dirigat folgen, bei „Dona nobis pacem“ Augenkontakt mit den tschechischen  Sängerinnen aufnehmen. Ich spüre den überspringenden Funken zwischen uns, den Tschechen und den Franzosen. Schöner kann es nicht mehr werden.

Ob auf der Moldau, in der Straßenbahn, am Altstädter Ring, im Hotel immer ist sie da diese Fürsorge des Chores. Ich fühle ich mich wie gestreichelt.

Und dann bedankt sich die Vorsitzende auch noch bei uns Behinderten: „Wie schön, dass Ihr trotz Widrigkeiten ohne Klagen durchgehalten und mit uns gemeinsam gesungen habt!“

 

 

 

Frühlingscrescendo     

 

Unter dem Schnee ein Zwiebelchen steckt,  

Staccato- Geknister, grünes Näschen sich reckt.

Gestern wurd´ es vorausgeschickt

in die Kälte, senkt`s Köpfchen und nickt

behutsam läutend den Vorfrühling ein.    

                                                                                       

Bald schon erklingt das Goldammerlied

schmelzende Töne - Wie wie hab ich dich lieb!

Sehnsuchtsvoll fleht das: „Sizizi-Düh“,

drei Töne locken voll Harmonie

klagend, seufzend und engelsrein.

 

Dann ist´s gewiss, der Frühling fängt an,

die Kraniche ziehen in Ketten heran.

Schon morgen beginnen sie mit der Balz,

langbeinige Sprünge, gestreckter Hals.

Noch warten sie wachsam hinter dem Deich.

 

In der Ferne ein Kuckuck, er ruft seine Frau.

„Uog,  Uog“- der Moorfrosch tönt, er leuchtet blau

zur lärmend geräuschvollen Sumpfhochzeitsfeier.

                     Mir scheint, es sind hundert Frösche am Weiher.                     

                                                      In Gallert gebettet wiegt sich der Laich  

 

 

Besondere Klänge

Steffi hat sich in der Klangwerkstatt  eine Tambura aus Bergfichte, Bergahorn und brasilianischem Fernambuk gebaut. Das Holz wurde vorher mit Wasser und Hitze so in Form gebracht, dass die entstehende Resonanzdecke gewölbt ist. Drei Tage lang hat sie die Hölzer geschliffen, geleimt und mit Hilfe des Meisters zusammengesetzt, achtundzwanzig Saiten aufgezogen, gestimmt und schließlich waren die ersten Töne zu hören.                                                                                                                                     Begeistert erzählt sie, wie sie das Instrument zuerst bei ihrer Mutter ausprobiert hat, wie die Klänge sich auf Körperstellen von Patienten bis zu Missstimmungen verschoben haben und wie sie solange dort im Spiel verweilte, bis  sich die Disharmonie auflöste. Ich bin neugierig.                                                                                                                                                                                   Wie mit Störfeldbehandlung, Akkupunktur, Feldenkraisübungen der Körper in innere Ordnung gebracht werden kann, habe ich schon erfahren. Aber mit Klängen, noch dazu nur in wiederkehrenden D- und G- Grundtönen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Heute stellt sie mir das fein gestaltete schöne Instrument vor, sie hat ihm einen Namen gegeben,  nennt es Maria, legt es mir auf den Bauch und beginnt zu spielen.Ich bin sofort gefangen, bade im Klang, lasse mich berühren, spüre die Schwingungen  schließe die Augen und bin in fernöstlichen Landen.Mein letzter bewusster Gedanke: Wie schön, Steffi hat auch meine schmerzenden Knie mit der Tambura bedeckt.                                                                                                                                                      Harmonische Klänge, wundersame Entspannung,Traumland!                                                                                                              Carla fragt: Und was hat der Klang deinem Körper gebracht? Das kann ich nicht sagen. Vielleicht ist es so wie bei ungeborenen Kindern, von denen es heißt, dass sie den Klang als Schwingung erfahren.                                                                                           Ich lese nach: Klänge von Instrumenten wie Monochord, Körpertambura, Schamanentrommel und Klangschale erweitern die innere Ordnung des Körpers und harmonisieren ihn auch auf der zellulären Ebene. Die Stimmung der uns umgebenden Außenwelt erleben wir als Schwingung,als eine Qualität von Harmonie oder Disharmonie, von Geborgenheit  oder Störung.                                          Na schön, wird wohl so sein.                                                                                                                                                                   Aber muss man wirklich immer alles erklären?  

                                            

 

Erste Liebe

Wir waren gerade acht Jahre alt, da erzählt Rita, der Horst habe sie geküsst. Ist das zu glauben? Ich hätte gedacht, das würde erst später passieren.

Nun höre ich genauer zu und stelle fest, auch die Ulla hat einen Freund. Auf meine Frage, ob er sie auch hat, antwortet sie: Nein, der weiß nichts davon!

Ach so geht das, das habe ich mir schwieriger vorgestellt und beschließe, mir auch einen Freund zu nehmen.

Er heißt Jürgen, im vergangenen Jahr war  er ein Hirte und ich ein Engel beim Krippenspiel.

Aber in diesem Jahr bin ich die Maria, er soll Joseph sein. Da nehme ich mir den Jürgen zum Freund. Jürgen weiß nichts davon. Zu reden haben wir nichts miteinander, als Joseph  spricht er mit den Königen, ich rede mit den Engeln. Und gemeinsam sehen wir auf das Kind in der  Krippe  oder  schauen  in die Gemeinde.

Aufregender als mein Freund  sind  für mich meine langen offenen Haare, die nicht wie sonst in zwei Zöpfe gezwängt sind, sonder umher wedeln.

 Weder beim Üben noch bei der Aufführung sehen wir uns gegenseitig an. 

Ich aber folge ihm hinterher heimlich, um zu sehen, wo er wohnt. In der nächsten Zeit mache ich täglich einen Umweg und  -  sehe ihn nie.

Nach und nach gerät er bei mir in Vergessenheit.

Sechs Jahre später werde ich in eine neue Schule aufgenommen.  Oh Schreck, wer sitzt in der gleichen Klasse? Jürgen! Er sagt nicht, dass wir uns schon kennen. Und ich sage natürlich auch nicht, dass er einmal mein Freund gewesen ist.

 

 

Von Mexiko bis Sonsterwo

Auf dem  Rheinsberger Schloßhof erreichen Musikfetzen das Ohr; wir schauen im über den ruhigen  See.  Im  Heckentheater erwartet uns Mozart mit seiner Oper Don Giovanni. Vor mehr als fünfzig Jahren hatte ich das Vergnügen. Ich erinnere mich an gewaltige Stimmen in steifer Atmosphäre. Kann sein ich war noch nicht reif für Klassik überhaupt - und Oper insbesondere.

Mal sehen was mich heute erwartet.

Und da sitzen wir nun in aufsteigenden Reihen zwischen mannshohen Hecken, vor einer  uns umrahmenden Pergola wie in einem geschlossenen Raum. Eine kleine Hecke trennt uns vom Orchestergraben, große Hecken säumen Seitengänge auf der Bühne, im ersten haben rechts und links die Bläser Platz gefunden. Grabmale, Kreuze und umgestürzte Steine verlieren sich auf dem Rasen des Bühnenraumes unter hohen Bäumen. Sind das die Gräber der Rheinsberger Fürsten? Ruht da Prinz Heinrich, der dieses schöne Naturtheater anlegen ließ?

Bis kurz vor Beginn ist nicht klar, kann unter freiem Himmel gespielt werden? Die Ankündigungsplakate in der Stadt sind nicht durch die gefürchteten aufgespannten Regenschirme verändert worden  und dann fällt die Entscheidung: Das Spiel kann unter dem  Himmel beginnen.

Und was für ein Spiel, ich bin sofort verzaubert von der Musik, von den Stimmen der jungen Sänger, alle Preisträger des Internationalen Gesangswettbewerbs der Rheinsberger Kammeroper, von ihrer Spiellaune. Nix von verstaubter Oper. Don Giovanni ist der Mexikaner Alejandro Larraga Schleske. Er  hat eine sanfte, lyrische Stimme, einen schönen Bariton.

 Später muss ich darüber die Mäkeleien eines Kritikers lesen. Don Giovanni hätte ein dunkles, dämonisches Timbre haben sollen, um ihm den Verführer abnehmen zu können. Ja wieso denn?  Denkt der denn, Frauen gefiele eine laute unheimliche Stimme? Mir nicht! Na das ist nicht das erste Mal, dass ich angeärgert bin von der  selbstgefälligen Benotung eines Werkes durch einen Besserwisserjournalisten. Ihm glaube ich nicht, ich vertraue meinen Sinnen. Erfrischend der spitzbübisch verschlagene Diener Leporello, vergnüglich wird von uns Zuschauern seine Pilotenmaskerade angenommen, verstehen wir, dass nicht nur Zerlina mit wehendem Brautschleier, auch Elvira und Anna bereit sind, dem Verführer die Hand zu reichen. Mal Lachen, mal Beifall bei offener  Szene beflügelt das Spiel der Barden.

  Nun denke bloß nicht, ich würde jeden Sänger bewerten und beschreiben wie es so hin und her geht mit Verführung, Liebe, Eifersucht und Rache. Ich lausche den klaren jungen Stimmen aus Deutschland, Frankreich, Russland und natürlich der des Mexikaners,  beobachte im schwindenden Licht eine Kranichkette, freue mich über die wechselnden Lichteffekte zwischen Hecken und Grabmalen, die allmählich unheimliche Formen annehmen. Der Himmel wird dunkler, zwingt meinen Blick von der Bühne zu den Sternen über uns und schon bin ich wieder beim heiter dramatischen Spiel.  Der Mozart hätte seine helle Freude gehabt.

Noch ein bisschen Gänsehaut bei der unheimlichen Stimme des Steinernen Gast. Spät ist es geworden, schade,  es sollte noch dauern!

 Schluss! Ich drängle mich  nach vorn, muss herausfinden, ob da auf der Bühne wirklich ein  Friedhof  ist. Von nahem wirken die Grabinschriften verwittert und echt aber überzeugt bin ich immer noch nicht. Mühsam  erklimme ich die Rampe und klopfe an den ersten Stein. Da sagt eine Stimme: „Herein!“, lässt mich zusammenfahren und zurückschrecken.  Drei junge Musiker stehen hinter dem Grabmal und amüsieren sich. Renate kann gar nicht mehr aufhören mit lachen, als ich ihr vom „Herein!“ erzähle. Ob`s echte Steine waren? Nee, hohl hat´s geklungen.

Nicht so die Musik, die war  sehr wirklich und  ganz bezaubernd.

 

 

Oh Musica

Singen mit Simon Halsey


Seit 2001 dirigiert der Engländer Simon Halsey den Rundfunkchor Berlin. Seine Mitsingekonzerte mit bis zu 2000 Sängern haben inzwischen Kultstatus erreicht. Angefangen hat alles mit einem

Tag für die ganze Familie im Haus des Rundfunks, unser Chor gehörte zu den Eingeladenen. Der Sendesaal des Rundfunkhauses in der Masurenallee erwies sich bald als zu klein und so finden die Konzerte seit Jahren in der Philharmonie statt. Simon Halsey, weltweit gefragt, wurde für seine perfektionistische, leidenschaftliche Arbeit als Chordirigent mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Höhepunkt für mich war seine Aufführung von „Carmina Burana“ in der Türkei. Da lernten wir Halsey nicht nur als genialen Dirigenten, der mit seiner bildhaften witzigen Art begeistert, sondern auch als bescheidenen geselligen Menschen kennen, der sich in der Pause mit seiner Cola zu uns an den Tisch setzte. Ich sehe noch, wie er In Aspendos im Amphitheater bei Regen aus seiner „Künstlergarderobe“ stürzte und uns lachend diesen eigens für ihn gezimmerten, oben offenen Verschlag zeigte.

Am 8. Mai in diesem Jahr wurde das WAR REQUIEM von Benjamin Britten zu Gehör gebracht, ein Auftragswerk zur feierlichen Weihe der wiederaufgebauten Michaels Cathedral der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Stadt Coventry.

Vertont sind Worte der lateinischen Totenmesse und Gedichte von Wilfried Owen. Dessen Worte „Mein Thema ist der Krieg und das Elend des Krieges. Die Poesie liegt im Mitleid. Alles was ein Dichter tun kann, ist warnen hat Britten als Motto über das gesamte Requiem gestellt.

Auch ich will mitsingen. An die Einstudierung bin ich ein bisschen naiv herangegangen. Mit Hilfe einer Mitsinge-CD für Altstimme und die dazu gehörigen Noten bereitete ich mich vor. Spätestens bei den gemeinsamen Versuchen einer kleinen Altgruppe, in die Partitur einzusteigen, die Einsatzstellen mit den richtigen Anfangstönen zu finden, kamen mir Bedenken; offensichtlich dem Veranstalter auch, da er kurz vor dem entscheidenden Tag E-Mails verschickte mit zu streichenden Passagen, die der Rundfunkchor allein singen würde.

Die morgendliche Probe mit Klavierbegleitung beginnt für uns Mitsänger. Simon Halsey erscheint, alle Bedenken fallen ab. Er beginnt mitten im Werk. „Agnus Die“ meistern wir mühelos und Halsey baut uns mit Lob auf: „Sie sind sehr gut präpariert!“, wenig später, „Oh mein Gott, your  are phantastic!“ Dann gesteht er seine Ängste: „Dieses Werk mit tausend Sängern aufzuführen, ist crazy. Als ich heute früh um vier Uhr aufgewacht bin“, sagt er weiter, „ habe ich gedacht, die Reihenfolge heute ist für mich:  1.Chorprobe, 2.Orchesterprobe, 3.Konzert, 4.Selbstmord!“

Halseys lockere Art nimmt uns alle Befürchtungen, es wird mit ihm leicht und mühelos. Er sagt, wie wir uns an den Bläsern orientieren können: „ Die Streicher sind hier nicht hilfreich, die Freunde sind die Holz!“

Wir kommen voran nach seinem strengen Zeitplan, den er minutengenau einhält. Einmal lockert er uns: „Eine Frau aus New York ist gekommen, sie glaubt nicht, es ist möglich einzustudieren das Werk in einem Tag.“ Dazu lacht er und gestikuliert: „Wir schaffen das, New York, ha ha ha!“ Beim „Offertorium“ löst er unsere Anspannung: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich entschuldige mich für das Wort, aber ich m u s s  es sagen, wenn es klingt wie Scheiße, meine Damen und Herren, dann ist es richtig!“

Wir lachen, wir glauben ihm sowieso alles, folgen ihm willig. „Wenn es schwierig wird“, verweist er auf den Rundfunkchor, „hören Sie auf die Bassi und Tenori, auf die Stimme von Soprani und Alti!“ Beim „Libera me“ hören wir erneut: „Die Holz spielen mit Sie alles und wenn Sie verloren sind, treffen wir uns in Takt 113!“

Zufrieden gehe ich in die Mittagspause. Eine Sängerin fragt, ob es etwas Größeres gibt, als bei einer solchen Aufführung dabei zu sein? Eine andere meint, mit Simon Halsey würde ich sogar das Telefonbuch singen. Ich gebe ihnen Recht, man kann von dieser Art des Singens regelrecht süchtig werden.

Nach der Pause geht es weiter mit Rundfunkchor, Orchester, Solisten und Knabenchor. Halsey springt hin und her zwischen Fugen und Dialogen, „ Sanctus und Dies Irae“. Die chromatische Harmonik, die die Intonation erschwert, macht es nicht einfacher. Ich höre das Orchester, die Solisten, den Knabenchor, lausche dem Rundfunkchor, „die Holz“ höre ich zu spät, finde meine Einsätze nicht immer und bin leicht verunsichert.

Das Konzert läuft dann aber besser als gedacht. Voll konzentriert kann ich dem Ablauf folgen, bin Teil dieser gewaltigen Musik. Einmal verliere ich den Faden und mache von dem Wiedereintritt bei Takt 113 Gebrauch. „ In Paradisum“ gehe ich noch einmal verloren und bin erst beim „Amen“ wieder glücklich dabei.

Beifall und Beifall für Simon Halsey, der viele Male zurückgerufen wird, und auch für alle Mitstreiter. Ob die Sänger wie in den Vorjahren aus Finnland, Italien, Japan, Österreich, Polen, der Schweiz und Australien angereist sind, weiß ich nicht. Nur die New Yorkerin hat Halsey erwähnt, für mehr hatte er die Zeit nicht.

Im Bus bei der Heimfahrt sind mit mir einige Sänger aus Rostock, sie haben sich am Ostbahnhof eingemietet. Eine Konzertbesucherin: „Die Musik hat mir nicht gefallen, viel zu laut, nur die Chöre waren schön!“ Soll ich mich darüber ärgern? Nein, sie hatte ja nicht dieses Erlebnis des Dabeigewesenseins. Und außerdem liefert sie mir eine denkbare Erklärung, weshalb ich „In Paradisum“ verloren war, es war zu laut, ich konnte nicht hören, wo wir sind.

Na, das ist natürlich eine Ausrede, gründlichere Vorbereitung und fleißiges Zählen wären bestimmt hilfreich gewesen.

Bleibt zu erwähnen, für die „Nelson Messe“ von Joseph Haydn im nächsten Jahr bin ich wieder angemeldet.             /2010

 

 

„Busch“ - Trommel

Sehr geehrte Frau Winkel!

Ich hatte ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin des ND. Im Zusammenhang mit der von Ihnen verfassten Lesergeschichte erwähnten Sie, dass Sie gerne musizieren, speziell Gitarre spielen. Als Mitglied des Ernst-Busch-Chores Berlin, der ständig an „Nachwuchs“ interessiert ist, möchte ich Sie auf unseren Chor hinweisen, der auch eine Gitarrengruppe hat. Dass musikalisch talentierte Menschen nicht singen können, ist höchst selten, und so gehe ich davon aus, dass Gesang Ihnen auch Freude machen könnte… Horst M.

Damit hat er Recht. Was er nicht weiß, ich singe seit 21 Jahren im Konzertchor Berliner Pädagogen.

Natürlich kenne ich seinen Busch-Chor, wir haben schon gemeinsam gesungen.

Im Internet lese ich:Gemischter Seniorenchor mit gegenwärtig 75 Sängerinnen und Sängern im Alter von 61 bis 85 Jahren.

Der Chor steht in der Tradition der Arbeitersängerbewegung. Der Dirigent Kurt Hartke war Mitglied des Erich-Weinert-Ensembles der Nationalen Volksarmee der DDR, absolvierte ein Studium auf dem Gebiet der Chor- und Ensembleleitung.

Das passt alles, es weckt Heimatgefühle, erinnert an meinen Chorleiter.

Auch die Probenzeiten nachmittags im Haus des ND sagen mir zu. Ich könnte ja mal schnuppern, mir alles anhören, in Ruhe nachdenken, mich später entscheiden; ich lasse mich von Horst M. mitnehmen.

Dann wird alles ganz anders. Der Dirigent, die Sänger nehmen mich freundlich auf, ich werde auf einem der Besucherstühle platziert. Da hält es mich nicht lange, als das Einsingen beginnt, stelle ich mich dazu und fühle mich schon gefangen.

Dann werden Geburtstage gewürdigt, alle Betroffenen mit einem Lied geehrt und ich lerne den Chor in seiner ganzen Vielfalt kennen: Solidarität, Humanismus, Lebensfreude, klassisches Liedgut und bin beeindruckt, wie die singen können!

Seniorenchor, ja, aber was für einer!

Überlegen muss ich nicht mehr, da möchte ich dabei sein, will jedoch meinen vertrauten Chor nicht aufgeben. Ob das zu schaffen sein wird? Zeitlich geht es, aber bei „Busch“ singen sie alles auswendig - na das kann meinem Geist nur nützlich sein.

Pause. „Wie bist du auf uns gestoßen?“ „Horst M. hat die „Busch“- Trommel gerührt!“ „Woher kommst du?“ „Ich gehöre zum Konzertchor Berliner Pädagogen, singe bei Thomas Lange.“ „Ach, den kennen wir, der ist gut, er wird unsere Konzerte sichern, wenn unser Kurt mal nicht dirigieren kann.“

Nach der Pause geht es pünktlich weiter, überhaupt sind sie hier disziplinierter, keiner schwatzt. Renate vom Alt winkt mich an ihre Seite: „Komm her, sing mit, so findest du dich am schnellsten zurecht.“ Noten werden mir zugesteckt, ich bin dabei.

Die Probe endet mit dem Freiheitschor aus dem Oratorium "Joseph" von Georg Friedrich Händel, „Seid froh...". Ich singe mit großer Freude, das haben wir früher bei Jugendweihefeiern vorgetragen.

„Na“, fragt Renate bei der Verabschiedung, „wer ist nun besser, sicher der Konzertchor!“

„Das würde ich so nicht sagen, genauer gesagt, er ist anders.“ Sie nennt meine Antwort diplomatisch, aber ich meine es wirklich so.

Die „Busch“- Trommel hat mich eingefangen.


 

Nordisches Temperament

Så tag mit hjerte i dine hænder

Beim Konzert der Spitzenchöre zur Chorolympiade in Riga schweben auf nackten Sohlen- welch ein Gegensatz zu den überproportionierten Kanadierinnen- junge Mädchen schlank, schön in schwarzen Gymnastikanzügen herein. Ungeschminkt, einziger Schmuck die unterschiedlich geflochtenen hochgesteckten Haare, stehen sie im Kreis, singen, wiegen sich, steigen die Chorstufen hinauf, wundersame Melodien erklingen, ach möge es nicht aufhören.

Lautlos kommen sie wieder herab und nun entfaltet sich endgültige Verzauberung.

Så tag mit hjerte i dine hænder… beginnt das blonde Mädchen mit silberreinem Klang. Der Chor, Körper und Stimmen verschmelzen in Bewegung und Klang, nimmt die schlichte Melodie auf.  Die Mädchen drehen sich, sacht, berühren Geist und Seele, entzücken Ohr und Auge. Langsam nähern sie sich singend, stehen dicht vor den Zuhörern, schauen uns an.

Welch schönes unschuldiges Lächeln fasst mich da an? Ich bin gefangen, bin eine von ihnen, aufgesogen, wieder Kind, träumendes Mädchen. Tränen rinnen, spürbar mein schlagendes Herz, Stunden später stockt mir immer noch der Atem.

Wieder zu Hause suche und finde ich den Aarthus Pingekor aus Dänemark, der eine Goldmedaille  errang, im Internet. Es gehört schon zu meinem Morgenritual, dieses Erlebnis zurück zu holen und es hätte der Übersetzung nicht bedurft, um zu verstehen:

So nimm mein Herz in die Hand, nimm vorsichtig das rote Herz, es ist bei Dir, schlägt ruhig und leise, es hat geliebt und gelitten, jetzt ist es ruhig, es ist bei Dir…

Så tag mit hjerte i dine hænder men tag det varsomt og tag det blidt det røde hjerte - nu er det dit. Det slår så roligt det slår så dæmpet for det har elsket og det har lidt nu er det stille - nu er det dit. ... Igor Egholm / Michael Bojesen                                                    Juli 2014                                                                                                           

                 

             

Frühlingsgesänge

 

Alle Jahre nahen wieder

Mit dem Licht die Frühlingslieder.

Das oft zitierte blaue Band

Des Möricke ist weit bekannt.

 

Eisbefreite Strom und Bäche

Ohnmächt´gen Winters Altersschwäche

Hat der Goethe schon beschrieben,

Der war auch flott im neu Verlieben.

 

Wär ich jünger und verliebt

Kläng Heines liebliches Geläute

Durch mein alterndes Gemüt

Und weit hinaus ins Weite.

 

Ich mag den Frühling wirklich wahr.

Mit Luther sänge ich sogar

Von der lieben Nachtigall,

Die fröhlich macht all überall.

 

Was schon ein and`rer hat gesagt,

Ist nachgeplappert zu gewagt.

Maiveilchen, Mozart hat vertont.

Der, der zuhört wird belohnt.

 

Luis Fürnbergs Frühlingskerzen

Geh´n gewiss auch mir zu Herzen.

Ich will nicht neue Worte geben.

Gemäß Hoffmann von Fallersleben

Sind schon alle Vögel da

Und, ich mag das ganze Jahr

 

 

 

Wie transportiert man ein Alphorn

 

Vor Jahren besuchten wir die Bergkirche in Schleiz, um ein Konzert für Alphorn, Orgel und Waldhorn zu hören. Seltsam mutete das Alphorn in der barock gestalteten Kirche an. Es ragte langgestreckt in den Mittelgang, scheinbar fehl am Platz. Das war beim ersten Ton vergessen. Freude und Staunen über die harmonischen Klänge ließen jeden Zweifel schwinden.

Jetzt in Neuenhagen war es wieder da, das bestaunte Alphorn, gleich vierfach auf der Bühne wartend, von uns Besuchern bestaunt. Ich betrachte die feine Holzmaserung, die sauber ausgeflickten Astlöcher und taste heimlich über das feine Holz. Nicht alle Alphörner haben eine Messingmanschette, die eine Teilung zulässt. Vier Meter? Fünf Meter? Wie werden sie transportiert? Mir fällt ein, dass mein Mann Peter als junger Stabhochspringer in einer alten Straßenbahn in Berlin auf dem vorderen Peron stehend mit seinem Freund auf der hinteren Plattform die unteilbaren Aluminiumstäbe außen hielt, um sie zu transportieren.

In den Saalecken stehen Notenpulte. Verstohlen schaue ich in die Noten und lese Bleistiftanweisungen wie: Täglich üben! Alle durcheinander! Eiserne Disziplin und gut hinhören!

Und nun geht es los. Wir erfahren von Stephan Katte, dass die Musiker im Thüringer Wald gebogene Fichten gesucht, gefällt, getrocknet und mit dem Fuchsschwanz der Länge nach geteilt, gehobelt, ausgehöhlt, und wieder zusammengeleimt haben.

Die Musik ist nicht zu beschreiben; ich gebe Simon Rattle Recht,dass doch jeder weiß, dass man über Musik mit Worten gar nichts Vernünftiges sagen kann“. Man muss sie hören, die Töne, die ein Baum singen kann, die Klangbilder eines Tages im Wald, die der Komponist eigens für diese vier Alphörner geschrieben hat. Vielleicht nur soviel: Mit dem ersten Wind im „Erwachen“ war ich im Wald, und bei den wundersamen „Abendglocken“, dachte ich, leider ist es gleich vorbei. Als dann aus allen Saalecken Schweizer Hirtenmelodien miteinander, übereinander, im Echo, aber wirklich nicht durcheinander, neben mir, hinter, vor und über mir erklangen, war ich selbst Teil dieser wundersamen Baummusik.

Jetzt war es mir egal, wie ein Alphorn transportiert wird.

 

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