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Foto Günther Heinze

Seniorengeflüster

 

Alles wird besser, doch nichts wird gut…Gedanken zum „ Fortschritt“

dazu lässt sich alles und nichts, viel oder wenig sagen.                                                                                      Ich schreibe  mir dazu  einen Brief:

Liebe Edda,

Fortschritt ist wie eine Medaille, man kann sie  von der einen oder anderen Seite betrachten. Früher hast du geglaubt, den Fortschritt zu überschauen, hattest gedacht, Fortschritt sei Sozialismus, Vorsprung wäre damit zu gewinnen.

Erinnere dich, als dein kleiner Peter nach einer Krankheit wieder zum Training drängte, hast du gelacht, als er sagte: Ich will keinen Hintersprung kriegen! Jetzt fühlst du dich im Hintersprung. Über den  gescheiterten Versuch, Vorsprung zu erzielen, wird die Geschichte urteilen, immerhin ist dir auch nach fast dreißig Jahren noch keine bessere Zukunftsvision begegnet. Für einen neuen Anlauf ist die Zeit noch nicht reif. Na, das führt zu weit, du wirst die Welt nicht mehr retten.   Back einfach kleinere  Brötchen und bleibe in deinem Alltag, Edda!                                                                                                                                                            Dein persönlicher Fortschritt ist das Internet, alles kannst du nachsehen und herausfinden. Du brauchst nicht wegen jeder Überweisung zur Bank zu laufen - was ehrlich gesagt wegen deiner steifen Glieder besser wäre. Du bekommst jeden Tag Post von Freunden und tauscht Gedanken aus - aber so fallen leider Telefonate und Besuche spärlicher aus. Du kannst neue Lieder für den Chor bei You tube hören -die Gitarre bleibt an der Wand, die Melodie wird nicht nachgespielt, das ist allerdings nicht so gut, selber zu musizieren, würde dein Gehirn trainieren.                                                                                                                                                                                         Liebe Edda, betrachtest du den Fortschritt nicht ein wenig kleinkariert? Du scheinst anzunehmen, wenn du nicht pingelig abwägst, kommst du zu vorschnellen Schlüssen. Na gut, prüfe noch das Auto. Darauf möchtest du genau so wenig verzichten, wie auf deinen Computer. Wie kommst du bequemer als mit dem Auto von Hönow nach Pankow- Heinersdorf, dachtest du letztens und wolltest den kürzesten Weg  ohne Navigationsgerät finden. Denn von diesem Fortschritt hat dich eine Bekannte kuriert, die bei jeder Ausfahrt mindestens zehn Minuten im Auto sitzt, Ziele eintippt und dir am Ende sagt: Such du den Weg! Da nimm dir lieber gleich die Karte oder lass vom Routenplaner im Internet, den günstigsten Weg finden. Trotz computererstellter Wegbeschreibung hast du später die richtige Abfahrt verpasst und nur mit Riesenumweg dein Ziel gefunden. Hätte so ein neumodisches „Navi“ nicht Ärger erspart? Ja, aber dann wärst du nicht auf die alte Felssteinkirche gestoßen, neben der wir vor vielen Jahren auf dem Weg nach Rostock halten mussten, damit der Vater einen Schaden an unserem klapprigen Trabbi beheben konnte. Der Pfarrer bot seine Hilfe und eine Waschgelegenheit an, eine schöne, fast vergessene Episode.                                                                                      Wenige Tage später fiel an deinem Auto ein Scheinwerfer aus. Ein Klacks wäre das früher gewesen, hast du ärgerlich gedacht und die Werkstatt angerufen. Bringen Sie das Auto her, es ist für Sie zu kompliziert, den Scheinwerfer auszubauen! Willst du also den alten Trabbi wieder haben Edda? Sicherlich nicht, das neuere Auto mit seinen komplizierten Eingeweiden gefällt dir besser, aber ist es wirklich gut? Darüber musst du noch nachdenken!

Na dann mach`s mal gut für heute und wäge weiter ab von Fall zu Fall, was du für dich beschließt.      Edda

P.S .Von deiner Telefongesellschaft gibt es das Angebot: Handy tauschen oder eine Gutschrift annehmen! Wie wirst du entscheiden?

 

 

Sind Bücher noch zeitgemäß?

 

Bücher sind für mich echte Werte, die zu meinem Leben gehören, es bereichern und die ich nicht missen möchte!

Während jeder Buchmesse werden wir überflutet mit neuen Veröffentlichungen, Rezensionen und Hinweisen. Gar nicht so einfach, durch die Bücherflut zu steuern und möglichst nichts Wichtiges zu verpassen. Ich studiere  die Literaturbeilage des ND und stöbere gern in der kleinen Buchhandlung des Verlagshauses. Nur wenig nehme ich mit. Sowohl der vorhandene Platz als auch mein Geldbeutel setzen Grenzen.

Auf keinen Fall will ich mich dem sich verbreitenden Trend anschließen, ein Buch, das keinen unmittelbaren Nutzen erfüllt, wäre Ballast - Altpapier.

Weißt Du was ein Book Reader ist?                                                                                                                                                 Richtig, das ist Englisch und heißt: Buch-Leser, also du und ich oder Tante Anna!

Aber Steffi sagt, es wäre so ein neumodernes Ding mit Bildschirm, auf dem man die Bücher elektronisch lesen kann, es soll welche geben mit 240 Leseproben.

Nun kann ich Leseproben nicht ausstehen. Ich lese ein Buch ganz, fange vorn an und höre hinten auf, damit ich neugierig bleibe. Nur wenn es mir nicht gefällt, lege ich es beiseite.

 Manche Leute haben ganze Schrankwände voller Prachtbände mit Leseproben. So können sie überall ein bisschen mitreden und ihr Halbwissen gut tarnen. Sogar ihr Zimmer macht einen gebildeten Eindruck.

Steffi liest Bücher, weil die gut riechen, liest sogar ihrem Liebsten laut vor. Ist sie dann auch ein Book Reader, weil das Wort Reader auch Vorleser bedeutet? Nein, das wäre eine Beleidigung. Steffi ist kein elektronisches Ding mit Bildschirm. Sie strahlt Wärme aus, darin ähnelt sie einem echten Buch.

Ich habe meine Bücher seit Jahrzehnten. Meinen ersten Strittmatter bekam ich vor einem halben Jahrhundert. Seitdem habe ich alles gesammelt, was ich von ihm erwischen konnte. Ich wünsche mir nicht, dass er nun digitalisiert daherkommt. Ich will in seinen Werken herumblättern, nach seiner Weisheit Ausschau halten, schon vor Jahren angestrichenes wiederfinden und mich freuen übers schon vergessen geglaubte.

Meine alten Bücherregale, selbstgefertigt aus Bambus, habe ich gegen stabilere getauscht, von den vertrauten Büchern aber mag ich mich nicht trennen.

Und wie sähe das dann aus, leere Regale und darin ein elektronisches Dings, daneben ein Ladegerät, denn, das brauchst du dazu, hat Steffi gesagt.

Na ich stell mir vor, ich fahre mit der U-Bahn, lese in dem Ding - sowas habe ich schon bei anderen gesehen und  gedacht, das sei ein übergroßes Handy - und dann ist gerade an spannender Stelle der Akku leer. Das schöne Rascheln beim Umblättern ist nicht mehr zu hören. Da lasse ich mich lieber von der gewünschten Haltestelle unterbrechen und lege ein Lesezeichen ins Buch.

Es gibt Leute, die kennzeichnen ihre Lesestelle mit dem Fingernagel, ritzen den Absatz an und kniffen ein Eselsohr in die Seite. Das muss ich ablehnen, Bücher sind Freunde .Meine Freunde graviere ich nicht, verpasse ihnen keine Eselsohren, höchstens baue ich ihnen manchmal eine Eselsbrücke, aber das ist etwas anderes.

Was passiert eigentlich, wenn dieses Elektrodings herunterfällt? Sind dann alle 240 Leseproben und die inzwischen selbstgespeicherten Bücher verschwunden? Das kann passieren, sagt Steffi, da musst du vorsichtig sein. Ein richtiges Buch mit Seiten ist robuster. Man könnte es sogar trocknen, wenn es ins Wasser gefallen wäre, so wie meine Chornoten, über die ich meine Seltersflasche auslaufen ließ.

Bei dem Book Reader musst du aufpassen, kannst dir aber für ihn eine extrafeine Tasche besorgen.

Und das ist dann alles? Nee, Kopfhörer brauchst du auch noch!

So, so und das soll Fortschritt sein? Wo ist der Vorteil?

Papier wird gespart, und Bäume bleiben verschont! Aha, ja, das ist wirklich gut! Das schont die Umwelt! Aber was ist mit der Energie…  

 Nun ist für mich alles klar, ich bleibe Buch-Leser!        

 

 

Herbstzeit

Das Alter bringt es mit sich, über vergangene Jahre nachzudenken und das Leben wie es heute läuft zu betrachten. Alles geht langsamer, schwerfälliger und die Freuden sind seltener geworden.

„Noch hat der späte Sommer schöne Stunden“,  las ich vor sechzig Jahren unter einem Bild in der Zeitung. Unbemerkt hatte es ein Klassenkamerad aufgenommen, als ich bäuchlings mit Pit am Strand lag. Ohne mein Wissen war es eingeschickt worden. Datenschutz war noch kein Thema.

Wir lagen einfach so da, sorglos, mit den Händen im Sand malend, noch Monate Zeit bis zum Abitur.

Warum ich  mich daran erinnere?

Das fiel mir ein, als mich Sohn und Schwiegertochter überraschend zu einer längeren Autofahrt einluden und mir in den Sinn kam, solcherlei Überraschungen festzuhalten.

 Sollte es nicht möglich sein, glückliche Unbeschwertheit in den Alltag zurück zu holen? Nicht durchgehend, aber von Zeit zu Zeit in kleinen Augenblicken?

Ein Augenblick im wahrsten Sinn, wenn auf mein „ Guten Morgen,“ die fremde Frau im Fahrstuhl mich freundlich lächelnd ansieht.

Glücksmoment, wenn zwischen Kohlmeisen am Wassernapf plötzlich ein Rotkehlchen auftaucht.

Freude, wenn ich sehe, die Chornachbarin trägt wie ich den Beutel der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, der einem für Spenden übersandt wird.

Lohnt es, solche Unwichtigkeiten aufzuheben, ihnen Bedeutung zu geben?

Es tut nicht gut, der vergangenen Zeit nachzutrauern, Alterserscheinungen zu beklagen, seine Zipperleins wie eine Fahne vor sich herzutragen.  Schon als Kind rannte ich davon, wenn die Alten in unserem Haus meinten, dass früher alles besser gewesen sei.

 Ich halte mich lieber an Gerhart Hauptmann: „Man darf das Gras nicht wachsen hören, sonst wird man taub.“

Bevor sich die Dinge aus meinem Gedächtnis stehlen, halte ich sie fest und freue mich, wenn ich sie später auf diese Weise zurück holen kann.

Kürzlich bekam ich von einer Schülerin aus meiner ersten Berliner Klasse  eine Mail. Sie hatte meine Schreibstube entdeckt.

Liebe Edda, ich freue mich so sehr, Sie hier gefunden zu haben! Fragte kürzlich Karin, ob sie etwas von Ihnen gehört hat. Da kam die Idee auf, doch mal im Internet zu schauen, ob wir Sie finden. Angeregt von Ihren Geschichten und Gedanken werde ich auch meinem Vati davon erzählen! Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen alles Liebe und Gute und weiterhin viel Freude beim Schreiben…Ihre Hannelore S.

Mich beim Vornamen zu nennen, hatte ich beim ersten Treffen nach der Schulzeit angeboten. Wie waren sie verblüfft zu hören, dass ich die ganze Zeit gewusst habe -  heimlich nennen sie mich Edda.

Meiner Freundin Renate erzähle ich davon und auch, dass unser Chor jetzt das russische Lied Angara  singt. Gleich erinnert sie sich, wie unsere Schülerinnen dazu in wunderschönen langen Gewändern bei einem Schulfest schwebend getanzt haben.

Es gibt kleine Freuden, die ich sammle.

Wiederkehrend ist das  mein Kater, der sich neben mir auf dem Sofa niederlässt und mich mit der Pfote stubst, wenn er gekraut werden möchte. Da ist Luis der Papagei, der die ganze Familie narrt mit nachgeahmten Telefon Klingelton, der kleine Hund Benni, der meinem Sohn nicht von der Seite weicht. Und was wäre schöner als der gemeinsame Gesang unseres Chores, wenn nach Probenmühen das Konzert erklingt und bei bekannten Weisen das Publikum einstimmt.

Viele Glücksmomente ergeben noch keine Sternstunde. Es entspricht meinem Gemüt, sie nicht zu übersehen, sondern  sie zu schätzen, nicht die nörgelnde Alte zu geben, lieber einen erfüllten Feierabend zu genießen,

 

Denn was man schwarz auf weiß besitzt kann man getrost nach Hause tragen

Dieses  Goethe - Zitat aus dem Faust muss, wie mein Deutschlehrer 1958 forderte, kritisch hinterfragt werden.

Ursprünglich ging es um die Druckerschwärze auf dem Papier. Inzwischen sind Medien dazu gestoßen von denen der alte Goethe nichts wissen konnte, die sich explosionsartig, unaufhaltsam verbreiten.

Als sich1902 der Schriftsteller Mark Twain auf einer Vortragstournee durch Europa befand, verbreitete sich in den Vereinigten Staaten das Gerücht, er sei plötzlich gestorben. Mark Twain kabelte daraufhin eine Richtigstellung nach Amerika: „Der Bericht über meinen Tod wurde stark übertrieben!“Der zuständige Zeitungsmann beim New York Journal konterte:„Was gedruckt ist, ist gedruckt. Wir nehmen nie etwas zurück. Alles, was wir tun können, ist, eine neue Geburtsanzeige von Ihnen einzusetzen. Preis: 1 Dollar.

Das hört sich lustig an, hat aber, wie wir wissen  an Maßlosigkeit eher zugenommen. Nicht immer leicht zu erkennen, was dahinter steckt. Von Ahnungslosigkeit über Dummheit bis gezielter Spionage und böswilliger Verfälschung der Wahrheit ist alles möglich. Du siehst es ja: Nach der Methode: „Steter Tropfen höhlt den Stein“ wird uns seit Jahren unsere Vergangenheit erklärt und als absolut unrecht um die Ohren gehauen.                                                                                                                                                         Wenn es mal wieder hageldicht und tagelang auf mich einprasselt, schreie ich nicht, ich blättere in meinem alten Poesiealbum und höre Stimmen:                                                                                                                                                                                       1947 schrieb mein erster Lehrer Herr Schulz: Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt, Goethe   Aha, da hat der alte Goethe recht, das kann unbequem werden, führt aber, wenn ich im Unrecht bin, zurück .

1949 setzte meine Lieblingslehrerin ein: Große Gedanken und ein reines Herz, das ist es, was wir von Gott erbitten sollen, Goethe Nenne es Gott, Schicksal, Universum. Um große Gedanken können wir ringen, um ein reines Herz müssen wir uns immer wieder bemühen.                                                                                                                                                                                            1951 notierte meine Biologielehrerin: Unsere Bestimmung ist, Erkenntnisse zu erwerben und aus Erkenntnissen zu handeln, Schiller

Das ist es, das gefällt mir am Besten. Damit komme ich ausgesöhnt zum Goethewort zurück. Nur wer hinter die Kulissen schaut, nachfragt wie Brecht lehrt, kann die Welt erkennen, entsprechend handeln, darf seine Erkenntnisse getrost nach Hause tragen.

 

 

 Alle Wege führen nach Rom

Vor fast zwanzig Jahren war meine Tochter  mit dem Auto in Rom. Zurück gekommen erzählte sie, dass es in ganz Italien  Vorweganzeiger mit der Aufschrift Rom gab. Mühelos gelangte man aus jeder Richtung kommend in die Stadt. Aber hinauszufinden dauerte Stunden, weil auch in Rom  nur immer -Rom -auf den Schildern zu lesen war und nie etwas anderes. Sie wisse nun, warum es heißt: Alle Wege führen nach Rom und hat dazu gelacht.

Julianus Apostata  (von 360 bis 363 römischer Kaiser) unternahm den Versuch, die alten Götter wieder zum Leben zu erwecken. „Es dürfe nicht Wunder nehmen, dass wir zu der … Wahrheit, … auf den verschiedensten Wegen gelangen. Denn auch wenn Einer nach Athen reisen wolle, so könne er dahin segeln oder gehen…“

Die katholische Kirche, die Rom als Mittelpunkt der christlichen Welt sah,  hat daraus alle Wege führen nach Rom gemacht.

Das ist zum geflügelten Wort geworden, das sagt:

Es gibt viele Lösungsmöglichkeiten für ein Problem; mehrere Wege, um zum Ziel zu kommen.

Mein Ziel war immer ein zu Hause zu haben, einen sicheren vertrauten Ankerplatz an dem ich mich wohlfühle.

Als ich jung noch von Rostock nach Berlin  verschlagen wurde, hätte ich nicht gedacht, dass diese Stadt mein Zuhause werden könne. Angenommen und verstanden  habe ich erst, als ich begriff, wenn wir zurück nach Rostock gezogen wären, hätten wir  unsere Freunde nicht mitnehmen können, nicht meinen Chor.

Ein Zuhause ist viel mehr als eine Wohnung, es sind vertraute Menschen, Kinder, Enkel, Freunde.

Seit 1964 bin ich immer mal umgezogen, Lichtenberg, Friedrichshain, Kaulsdorf, Mahlsdorf, Hoppegarten. Bevorzugtes Ausflugsziel mit den Fahrrädern war immer Hönow mit seinem schönen Umland.

Nach dem Tod meines Mannes bin ich in Hoppegarten nicht heimisch geworden. In einer wunderschönen Wohnung thronte ich vier Treppen hoch oben, bei schönster Aussicht, langen Wegen und nur fremden Menschen um mich herum. Zufrieden war ich nur, wenn ich zum Chor, zum Schreibzirkel oder zum Computerkurs nach Hönow fuhr.

Wo ich letztlich mein Zuhause gefunden habe? Muss ich das noch erklären?

Bei der Auswahl meiner Wohnung haben viele geholfen. Der Computerclub: Hier werden  seniorengerechte Wohnungen fertig. Der Chor: Du musst zu Fuß  die U-Bahn  erreichen können! Die Freundin bei der ersten Besichtigung: Diese Wohnung ist zu laut, wähl eine andere! Der Sohn: Nimm keine langweiligen Zimmer  mit geraden Wänden!

Die neue Wohnung ist klein und gemütlich, nicht rechtwinklig,  hat einen schönen Balkon. Mit dem Fahrstuhl gleite ich bequem in jede Etage.  

Wieder wohne ich ganz oben und höre bei Regen das vertraute Trommeln auf dem Dach. Meine Katzen umschmeicheln mich, lassen sich von mir verwöhnen. Wenn ich verreise, kümmern sich nette Nachbarn um  die Beiden.

Aber dann, eines Tages, ein Wasserschaden an der Decke! So ein Ärger! Eine Zeit lang fühle ich mich nicht wohl, immer wieder geht der Blick betrübt nach oben. Auf Renovierung, die meine Ruhe stört, bin ich nicht aus.

Was haben wir früher in solchen Fällen gemacht? Der Schaden wurde mit ausgefallenen Dekorationen versteckt, bunten Glasscherben über der Gardinenstange,  geografischen Arbeitskarten an der Tür, blaue Punkte über den Flecken am Herd.

 Ich klebe große, kleine, dicke, dünne, unterschiedlichste  Buchstaben wie ausgestreut an die Decke, kein Wasserschaden mehr zu sehen! Meine Besucher staunen, versuchen vergeblich einen Sinn zu erlesen. Sie hören von der  vermiedenen Renovierung und freuen sich über die ausgefallene Lösung.  Irgendwann, wenn es an der Zeit ist, wird die Stube neu getüncht. Das kann  noch warten. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.   

                                       

       

Vorteile des Älterwerdens

Fürchte nicht, dass der Körper, sondern nur, dass die Seele altert. (Chinesisches Sprichwort)

 

Die alte Wustrauer Wassermühle aus dem 15. Jahrhundert hat Korn gemahlen, viele Jahre lang. Nach einem Brand wurde sie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in kurzer Zeit wieder aufgebaut und hat gemahlen, gemahlen, gemahlen  bis 1990.

 Da wurde sie stillgelegt, die Technik ausgebaut und nach Polen verschachert. Zwar nahm 1998 das alte Wasserrad seine Tätigkeit zur Stromerzeugung wieder auf, aber der Zustand der Mühle lässt ahnen, das sie eher zerfallen als wieder aufgebaut werden wird. Spinnweben und Schmutz scheinen die durchgebrochenen Dielen und die mit Gerümpel bedeckten Kornböden zu halten, einziges Lebenszeichen ist eine vor unseren Augen herum huschende Ratte.

 Da kann der letzte Müller noch so viel erklären, wie die Mühle einst mahlte, ihre Dielen glänzten und die Mäuse fern gehalten wurden, tiefe Depression geht von der Alten aus.

Aber, nicht die Mühle, Menschen haben diesen schmählichen Zustand verursacht. Hüte dich, das es dir nicht so ergehe!

Älter werden ist, wie auf einen Berg steigen; je höher man kommt, umso mehr Kräfte sind verbraucht; aber umso weiter sieht man. (Ingmar Bergman)

Das mit der Weitsicht ist ein Vorteil des Älterwerdens. Manchmal kann ich es spüren,

 wenn ich nicht mehr gewillt bin, jedem Ereignis nachzueilen, mir nicht Aufgaben überstülpen lasse, die ich nicht will, wenn ich über seltsame Modeerscheinungen heimlich schmunzle.

 Und wenn ich merke, dass ich manche Fehler nicht mehr machen muss, komme ich mir sogar weise vor .

Aber wehe, ich erwische einen Tag, an dem sich der Verbrauch der Kräfte schmerzlich bemerkbar macht. Dann ist`s nichts mehr mit der Weitsicht, dann fühle ich mich wie die alte Wassermühle, hilflos und überflüssig.

Ja, aber das Wasserrad dreht sich noch und der Bach fließt immer weiter.Ich sehe seinen munteren Lauf, lächle und glaube Franz Kafka:

Jeder der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.         

 

 

Die Medizin steht Kopf    

Medizin kommt vom lateinischen medicina, Heilkunst, d.h. Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten. Umgangssprachlich wird das Wort Medizin für Arzneimittel verwendet.

 Die werden schon mal vertauscht. Mir hat die Ärztin Schlaftropfen verordnet.

 Ich fahre zum Seminargruppentreffen. Lange sitzen wir abends am Lagerfeuer, singen und  schwatzten von alten Zeiten. Bestimmt bin ich zu aufgedreht um einzuschlafen, denke ich,  und träufle mir meine fünf Tropfen aus dem braunen Fläschchen direkt auf die Zunge. „Wie hast du geschlafen?“, fragt Freundin Schigu am anderen Morgen. „Wunderbar, ich bin nicht einmal aufgewacht!“

Wieder zu Hause, packe ich meine Sachen aus, will die Arzenei auf´s Regal stellen. Da stehen meine Schlaftropfen schon, der Platz ist besetzt. Oh, ich hatte ein falsches Fläschchen dabei. Wenn ich dennoch  gut geschlafen habe, muss das  der Placebo Effekt gewesen sein. „Beim nächsten Mal passe ich besser auf,“ nehme ich mir vor, „ so etwas kann auch schief gehen.“

Schlimmer ist, dass bei uns  ständig in der  Heilkunst, der eigentlichen Medizin, Positionen vertauscht werden. Vorbeugen wäre besser als heilen.

Meine Doktorin ist nicht nur Fachärztin für Allgemeinmedizin, sie arbeitet mit Neuraltherapie, Akupunktur, Chirotherapie. Mich sieht sie als ganzen Menschen, lacht über meine lila Vorzugskleidung, rät mir von schwarz ab, weil das „runterzieht“, interessiert sich für  meine Seele und für meinen Körper; sucht, findet und behandelt erfolgreich meine  Störfelder. Mit Akkupunktur zieht sie mir die Arthrose-Schmerzen aus dem Knie, erspart mir die  Operation.  Sie kennt sich aus mit alternativen Methoden.

In uralten Medizinbüchern der Chinesen steht: „Die Weisen greifen nicht erst dann ordnend ein, wenn eine Krankheit ausgebrochen ist; sie ordnen dort, wo noch keine Krankheit besteht.“

Ich war sehr erstaunt, als ich in Peking hörte, dass die  Ärzte dort in erster Linie  für die Gesunderhaltung der Patienten bezahlt werden, weniger  für die Behandlung von Krankheiten.   

Die Versuche der Traditionellen Chinesischen Medizin bei uns Fuß zu fassen, werden unter dem Vorwand: „Wissenschaftlich nicht bewiesen!“, häufig arrogant abgeschmettert. Darauf antworte ich am besten mit der Autorität Shakespeares: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als eure Schulweisheit sich träumt!“

Und wenn der Eid des Hippokrates  unter Glas in der Arztpraxis hängt, aber am Eingang steht: „Nur für Privatpatienten“, merkt auch der Letzte, unser Gesundheitssystem, die Medizin steht Kopf.

 Warum? Das wusste schon der alte  Goethe: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!“

 

 

Das hast Du schon einmal erzählt  oder  Großmutters Gedächtnis

Während der Behandlung erzählt mir Steffi, die Physiotherapeutin,   von einem  Besuch bei der Oma ihres Freundes. Da diese kein Kurzzeitgedächtnis mehr hat, hat  sich Steffi überlegt,  worüber sie  mit ihr reden wird.

 Am besten ich gehe in die Vergangenheit, da wird sie sich erinnern, sich in die Jugendzeit zurück versetzen. Und schon fragt Steffi:  „Wissen Sie noch  wie der erste Junge hieß, den Sie geküsst haben?“  Die Oma stutzt, dann sagt sie vornehm: „ Ich habe überhaupt keinen geküsst! Ich bin geküsst worden!“

Wir lachen.

Steffi erzählt weiter: „Ja aber wer hat Sie geküsst, kennen Sie noch seinen Namen?“ Verlegen sagt die Oma: „Das war

Wilhelm D.“Wir lachen.

Zwei  Wochen später liege ich erneut in der  in der Physiotherapie. Steffi erzählt mir wieder  vom Besuch bei der Oma ihres Freundes, die sie nach ihrem ersten Kuss gefragt und den diese nicht gegeben sondern von Wilhelm D.erhalten hat. Ich lache ein bisschen weniger, entschuldige mich damit, dass ich diese Geschichte schon einmal gehört habe.

 Und nun erzähle ich Steffi, dass ich mit Carla ausgemacht habe:  „Wenn etwas schon einmal erzählt wurde, dann sagt der andere….“ 

„ Piep“,    ergänzt Steffi. 

Jetzt lachen wir beide lauthals und lange.

Warum?

 Diese Geschichte mit Carla hatte ich Steffi  schon einmal erzählt.

 

 



Meine Schokoladenseite  

Habe ich eine?                                                                                                                                                                      Wenn Wenn ich eine hätte, würde ich darüber schreiben wollen? Die zweite  Frage beantwortet sich leicht. Nein, wollte ich nicht, ich bin kein Selbstdarsteller, bin nicht  der Schauspieler, den ich gerade gestern in seiner groß  aufgemachten  Bibelshow beobachtet habe. Warum kommt  mir dabei  immer wieder das Wort heuchlerischer Sektenprediger in den Sinn? Der Mann benutzt die Bibel, die vielen Menschen als heilig gilt, um sich in Szene zu setzen, seine schauspielerischen Qualitäten vorzuführen. Das lehne ich ab und das Argument, die heutige Generation muss anders als früher angesprochen werden, gilt nur, wenn der Heilsverkünder  als Person und  in seiner Lebensweise glaubwürdig ist.  Er sagt  zwar, er bewundere das Wort, mir scheint, er benutzt es als Möglichkeit, sich in Szene zu setzen. Die gepfefferten Eintrittspreise der Viertausend lassen Weiteres vermuten.

Aber was ist nun mit meiner Schokoladenseite? Ich denke an frühere Bewertungen meiner Person durch andere und es fallen mir etliche Wendungen ein, aber sie hier benennen?  Das läuft auf stolzes Gockelgehabe hinaus und da graust mir`s!           Schokoladenseite wäre ja auch nicht einfach eine von vielen, es muss  die  hervorstechende Seite sein. Ich frage Carla!  Sie lacht: Schokoladenseite? Du hast eine Schokoladenschublade mit einem Vorrat schneller Glücksbringer, aber das ist wohl nicht gemeint. Und dann sagt sie: „Deine  Schokoladenseite ist  Ehrlichkeit! Du sagst den Leuten, was Du über sie denkst, Du machst es diplomatisch, ohne zu verletzen und Du zeigst Wege zur Veränderung auf.“            

Und ist es so, dass ich mir selbst gegenüber auch ehrlich bin? Doch, das kann ich sagen.Wenn ich einen Fehler gemacht habe, gebe ich es zuerst vor mir selbst zu. Früher war ich oft zu schnell  in meinen Entscheidungen. Heute ist es eher umgekehrt.

 

 

 Ich liebe die Veränderung.   -   Ich liebe die Beständigkeit.

„Entscheiden Sie sich für eins der Themen!“ sagt der Zirkelleiter.Aber kann ich das? Will ich das? Und weiß ich das von mir? Muss man das eine oder andere lieben? Was, wenn ich Veränderung von außen aufgedrückt bekomme? Ist es dann nicht wichtiger wie ich damit umgehe, wie flexibel ich bin? Was, wenn Beständigkeit nicht Festigkeit sondern Gewohnheit ist?Ich glaube, man ist da  von seinen Lebensumständen ebenso abhängig wie von seinen Eigenschaften.   

                                                                  Anne Frank schrieb:

Ich schlafe ein mit den verrücktesten Ideen,

nämlich anders zu sein, als ich sein will,  oder daß ich anders bin, als ich es möchte                             

und auch alles anders zu machen, als ich es eigentlich will.

Auch der alte Goethe war nicht frei von Unentschlossenheit:                                  

 Zwei Seelen wohnen, ach!  in meiner Brust,                                 

Die eine will sich von der andern trennen

Meine Unentschlossenheit zeigt sich zum Beispiel im Umgang mit Sternzeichen. Lange war ich überzeugt: Alles Mumpitz! Dann hat ein Psychologe mich eines besseren belehrt, mir anhand der Geburtsstunden meiner Familienmitglieder, ohne uns zu kennen den Charakter von Tochter, Sohn, Frau und Mann so genau beschrieben, das ich in der Lage war, auf die Krankheit meines Mannes richtig zu reagieren. Natürlich lese ich nach wie vor keine Tageshoroskope, die passen immer irgendwie. Aber heute habe ich nach dem Wesen des Schützen gesucht, und erstaunt gelesen:

Der Schütze ist ein Wanderer auf der Suche nach Weisheit und dem Sinn des Lebens. Er ist erklärter Idealist, mit einem unbedingten Anspruch auf Wahrheit. Ihn treibt die Sehnsucht nach dem Fremden, nach anderen Ländern, anderen Philosophien und anderen Möglichkeiten. Er liebt die Herausforderung, die ihm eine Veränderung ermöglicht. Stillstand bedeutet für ihn Rückschritt

 Aha , nun wird es deutlich, ich liebe die Veränderung!Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Hat mir doch als frisch gebackener Direktorin  meine verehrte  Schulrätin gesagt: „Du brauchst immer eine Aufgabe, die Dich herausfordert und wenn Dir keine gestellt wird, wirst Du Dir selbst eine suchen.“

 

 

Hier spricht Renate

Schon beim ersten Wort am Telefon erkenne ich sie an der Stimme und sage eilig, „ja“, aber   immer beendet sie exakt ihren Satz, „h i e r  s p r i c h t   Renate“.

Vor vierzig Jahren, als ich an meine erste Berliner Schule komme, ist Renate schon da. Groß, ernst und immer korrekt,  finde ich nicht sofort Kontakt zu ihr. Wenn sie sich äußert, merken alle auf. Ihre Rede ist stets wohl durchdacht und gut formuliert.  Sie fragt die Schüler nicht, „worüber wundert ihr euch?“ sie sagt, „was verwundert euch?“ Aufmerksam beobachtet sie das Treiben um sich herum und scheint oft innerlich den Kopf zu schütteln. Wenn ihr das Gerede zuviel wird, kann man schon mal hören, „ja, ja Du Wunderpädagoge!“ aber meistens schweigt sie, lächelt selten.

Dabei hat sie ein wunderbares Lachen, dass ich in komischen Situationen auch dann höre, wenn sie gar nicht da ist. Zu dieser Zeit  in den sechziger  Jahren waren Hosen bei Lehrerinnen noch unerwünscht. Wir trugen  Röcke und Unterkleider. Christel Klein erscheint, legt den Mantel ab und steht im Unterrock im Lehrerzimmer, es kann sie nur noch der Chemiekittel eines Kollegen retten. Ich erinnere mich und höre Renate lachen.

 Frau Walter schickt Wochen nach dem letzten Schnee die Schüler auf den Petersburger Platz zum Schneeschippen. Die Schüler holen Schaufeln aus dem Keller und gehen los. Es ist der erste April. Ich höre Renate lachen

Der sparsame Herr M. bringt seiner Frau aus Bulgarien ein Netz Zwiebeln mit, meine Renate lacht.     

Der pedantische Herr Krüger beschriftet die Vorder- und Rückseite seines Kleiderbügels, Krüger, Krüger, Krüger. Ich höre Renate lachen.

Wir stehen an der Haltestelle der Straßenbahn und quatschen. Thea müsste einsteigen, die Tasche hat sie schon erhoben, redet nach hinten, die Bahn fährt los, die Tasche klemmt in der Tür, Thea rennt, die Tasche haltend mit der Bahn über die Kreuzung. Renate lacht.

Dennoch, etwas stimmt nicht. Sie ist oft still, in sich gekehrt, wirkt traurig und reagiert sehr misstrauisch auf scheinbar harmlose Bemerkungen. Ständig scheint sie zu denken, „immer ich, warum trifft es immer mich?“ Es müssen alte Verletzungen sein, die ich nicht kenne. Ich weiß, dass sie sich von dem Vater ihrer Söhne getrennt hat und es war doch einmal ihre große Liebe. Ich weiß, dass der kleine Sohn nicht gesund ist und viel Zuwendung benötigt, und dass der Große ein bisschen schwierig ist.

Mit Vorliebe erzählt Renate von ihrer Katze Elsa, einer sanften Schönen, ganz verschmusten. Allerdings leidet Wellensittich Fritzchen. Elsa legt sich oben auf seinen Käfig und starrt ihn kopfüber an. Sie hindert das Gitter, aber ihn schützt es nicht vor dieser ständigen Aufdringlichkeit. Elsa überzeugt uns, uns ebenfalls eine Katze anzuschaffen. Dann aber zieht Katze Elsa mit Renate und  Hugo, dem neuen Mann auf´s Gehöft nach Wilhelmshof  und begründet eine ganze Dynastie von Katzen. Jedes Mal, wenn wir hinkommen, sind neue da, wir kennen noch Pünktchen und dann verlieren wir den Überblick.

 Hugo fühlt sich gut auf seinem Gehöft, füttert die Kaninchen, mäht seine Wiesen. Renate braucht ein bisschen, sich mit dem Landleben anzufreunden, zumal kein Auto einen schnellen Abstecher in die Stadt ermöglicht. Es ist kein Trinkwasser vorhanden, weil der Brunnen mit  dem Altöl der ehemaligen Schlosserei des Vorbesitzers verseucht ist. Jedes Mal, wenn wir hinkommen, holen wir aus dem Nachbarort einen Wasservorrat für die Zwei. Uns gefällt es da. Wir lieben die offene weite Landschaft  und die beschauliche Ruhe. Peter mag Hugos bedächtige Art und ich die philosophischen Gespräche mit Renate. Eigentlich könnte sie zufrieden sein, aber immer noch sucht sie nach etwas, mehr Abwechslung, mehr Menschen, mehr Freude. Vorübergehend kommen die Zwei wieder in die Stadt, aber nun leidet Hugo, er ist kein Stadtmensch. Also gehen sie wieder zurück. Besonders schlecht wird es nach der Wende. Alle Illusionen, die wir hatten, sind uns genommen. Es gelingt uns kein positiver Ausblick in die Zukunft. Renate hat es da in ihrer ländlichen Einsamkeit noch schwerer als wir und ist hart betroffen.

Nach Hugos Tod verkauft sie ihr Häuschen und kommt nach Berlin zurück. Sofort stellt sich Zweifel ein, war das die richtige Entscheidung? Eine Antwort gibt es nicht. Die Unzufriedenheit liegt in ihrem Wesen. Es ist gut, nach Besserem zu suchen, aber das ständige Misstrauen ist selbstzerstörerisch. Ich bin erschüttert wie tief das sitzt Als ich ihr erzähle, dass der Zirkelleiter  meine Schreibversuche gelobt hat, freut sie sich nicht wie erwartet, sondern sie fragt, „hast du mir etwa nicht geglaubt, ich habe doch gesagt, dass du gut schreibst, reicht mein Urteil dir nicht?“ Mühsam erkläre ich, dass sich das nicht gegen ihre Person richtet, ich wollte nur, dass sie sich mit mir über das Lob freut.

 Renate möchte gerne wie Jedermann glücklich sein. Sie steht sich dabei oft selbst im Weg. Ständig hat sie Angst, jemanden zu verletzen, eine Sache nicht zu meistern. Es ist ja nicht falsch, sich erst einmal anzuzweifeln. Immer gibt es dann  zwei mögliche Richtungen, positiv oder  negativ. Ich denke, das kann man trainieren, zuerst die gute Seite einer Sache zu betrachten und dann das andere abzuwägen, nicht umgekehrt. Aber ich lasse mich nicht entmutigen und gehe gegen jeden neuen Anfall von Verzagtheit vor. Ich verstehe, dass ich sie nicht ändern kann, das kann sie nur selbst, doch sie ist mir viel zu wichtig, um aufzugeben. Ich brauche ihre Gedanken über Gott und die Welt und vertraue auf ihr Urteil über die Dinge des Lebens.

 Solange meine Kraft reicht, ihr das schöne Lachen zu entlocken, kann ich ihr helfen, das Misstrauen zu überwinden und sich an Kleinigkeiten zu erfreuen. Wenn es gelingt, fühle auch ich mich gut.

 

 

Umgezogen

Alles hat sich irgendwie gelöst. Die vergrübelten Nächte, wie wird dies und das geregelt, sind vergessen. Heute kann ich staunen über die Probleme.

Wohin mit den überflüssigen Sachen?

Freunde können manches verwenden. Was keiner braucht, landet auf dem Flohmarkt . Nur meinen schönen Schlafzimmerschrank will niemand, auch kein Internetter. Im Pflegeheim bei der Mutter erzähle ich der Betreuerin: Ich bin umgezogen, muß nur noch meinen Schrank loswerden. Schrank? Was für ein Schrank? Meine Tochter zieht um, sucht dringend einen. Schon wird alles zurecht telefoniert.                            

Mit Freunden will sie das gute Stück holen. Sie rücken an mit Lkw und gewaltiger Bohrmaschine, Schrauben und Dübeln. Wollt Ihr damit den Schrank abbauen?

Die Nachbarin borgt Schraubenzieher und Zange.

Was für einen Staubsauger wähle ich, der alte hat seinen Geist aufgegeben?

Ratlos stehe ich vor einem riesigen Angebot. Schließlich frage ich die Verkäuferin:  Welches Gerät würden Sie Ihrer Mutter für eine kleine Wohnung kaufen? Sie erfragt meine Fußbodenverhältnisse und führt mir einen Staubsauger vor, der stark ist, gut zu händeln  und der sogar mit einer besonderen Padbürste den Boden blank macht. Zuhause  probiere ich diese Bürste aus, wunderbar glänzt der Boden.

Der Neue muß mit zum Schrankabbau in die alte Wohnung, der Teppichboden ist noch zu säubern. Freudig greife ich zu meiner neuen Errungenschaft: Ach du grüne Neune! Ich habe die Wunderbürste am Staubsauger gelassen. Und nun? Soll ich die Nachbarin nochmals ansprechen und um ihren Staubsauger bitten? Peinlich wär` mir das schon. Also ziehe ich die Bürste ab und sauge mühsam, nur mit dem Rohr, Strich um Strich den Boden.

Wie setze ich meine unbekannten technischen Geräte in Gang?

In der Küche befindet sich ein neuer Herd, eine Geschirrspülmaschine, im Bad sieht mich der neue Waschtrockner an und im Wohnzimmer hat eine schöne kleine Anlage den alten, teilweise defekten Hi-Fi-Turm ersetzt. Sechs Pfund Gebrauchsanleitung liegen auf dem Schreibtisch. Es ist so gar nicht mein Ding, so langweiliges Zeugs zu lesen. Freundin Amrei erbarmt sich bei der Elektrifizierung der Wohnung, eröffnet den Betrieb und gibt mir Kurzanleitungen. Sie ist weg, alles funktioniert, ich bin zufrieden.

Die erste Wäsche wartet. Ich nehme den zusammenfassenden Kurzvorschlag aus dem Waschprogramm. Fünf Stunden wäscht und trocknet die Maschine, ich traue mich nicht aus dem Haus. Dann ist sie endlich fertig. Aus der Trommel hole ich warme, trockene, total zerknitterte Handtücher.

Ich rufe Amrei an. Sie lacht, ich auch.

Und wie sind meine Katzen umgezogen?    

Kater Tibbi ist leicht zu fangen, er kommt in sein Geschirr. Polly versteckt sich.

Na schön, bringe ich erst einmal den Kater weg.

Er wird im Auto angebunden und auf der Ablage platziert. Und er? Statt die Aussicht zu genießen, schreit er von Hoppegarten bis Hönow. Dort packe ich den Schreienden am Geschirr im Rücken. Seine Beine zappeln in der Luft  während ich ihn ins Haus trage. „Mensch, wollen Sie Ihre Katze erwürgen“? fragt der neue Nachbar im Fahrstuhl.

Der Kater erkundet die Wohnung, streift an den Wänden entlang, beschnüffelt die Möbel, springt auf die Bücherwand. In der Küche stürzt er mitsamt der Fliegenklatsche von der Abzugshaube, berappelt sich und geht  ins Bad. Mit einem Satz landet er im  eingelassenen Wasser der Badewanne und ist noch schneller wieder draußen. Ich knalle die Tür zu, er schüttelt sich ausgiebig hinter der verschlossenen Tür.

Katze Polly fangen wir zu dritt. Wir treiben sie in die letzte, schwer zugängliche Ecke. Peter zieht sich dicke Handschuhe an, robbt sich bäuchlings an die Katze heran, streichelt sie vorsichtig. „Pack sie im Nacken“! schreie ich. „Ja wie denn mit Handschuhen?“ fragt er, streichelt mit der Linken, schüttelt rechts den Handschuh ab und hat sie. Stumm lässt sie sich in den Korb sperren, stumm fährt sie nach Hönow, stumm flüchtet sie unter den Herd. Nach dreizehn Stunden, ich liege im Bett, alle Helfer sind gegangen, kommt sie hervor. Jetzt dreht sie ihre Runden. Ich höre leises Tappen und schniefen.

Ja das Bett, das war auch so eine Sorgensache!

Meine Idee, auf der Klappchouch zu schlafen, wird vom Sohn energisch abgelehnt. Ingrid zeigt mir ihr Wandklappbett und fährt mit mir ins Möbelkaufhaus. Da wäre passendes, aber zu preisheftig. Im Internet verwirren mich unzählige Möglichkeiten. Bruder Heining macht sich an die Suche und wird fündig, Ersparnis: zwei Drittel. Ich bestelle zum ersten Mal im Internet, wie aufregend!  Am Umzugstag wird das Bett, verpackt in drei Kisten in die neue Wohnung geliefert. Bevor die anderen Möbel kommen, möchte es der Sohn  aufbauen. Die Anleitung -  ist griechisch. Ich rufe den Vertrieb an. Eine deutsche Anleitung   können Sie sich aus dem Internet holen! Internet habe ich aber noch nicht. Der Sohn fährt weg und kommt mit fünfzehn Seiten Bauanleitung zurück. Wir haben zwei Stunden Zeit verloren. Jetzt rückt der erste Möbelwagen an, Helfer, Möbel, Kisten türmen sich. Gegen einundzwanzig Uhr beginnt der Bettaufbau. Peggy liest die Anleitung vor und verteilt unzählige Schrauben verschiedenster Art. Peter und Lars probieren, verwerfen und setzen zusammen. Ich sitze auf dem Sofa, beobachte das Tun  und freue mich. Das Chaos stört mich nicht, alles was ich wollte ist in der Wohnung. Nach einer Stunde schickt mich Peggy los die Nachbarn warnen, es wird noch zu bohren sein. Macht nichts, sagt der Nachbar, ich sehe lange fern und  unter Ihnen wohnt ein junger Mann, dem brauchen Sie gar nichts zu sagen, das muss der aushalten.

Und ich?

Ich habe auch alles gut ausgehalten.

„Sorge dich nicht“,  hatte  Tochter Antje gesagt, „Peter macht das schon“! Und sie ermahnte mich: „Falle ihm nicht auf den Wecker“! Das verspreche ich und dann passiert es doch. Als ich unmittelbar vor dem Umzug bei ihm anrufe, um zu fragen, ob seine Freunde während oder nach der Umzieherei Essen haben sollen, sagt er: „Siehst Du, das ist genau das, was meine Schwester gemeint hat“!

Ja, wirklich, es ist  alles fertig geworden. Ich spiele noch ein bisschen Rätselraten mit den Schubladen, aber ich schreibe schon wieder und abends sitzen wir zu dritt auf dem Sofa, Polly links, ich rechts und in der Mitte, das versteht sic h, rekelt sich Tibbi.

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Danke, ich habe verstanden

Als bei uns ein  Telefon angeschlossen wurde, hatten viele Freunde und Bekannte noch keins.

Also rief ich, um überhaupt etwas auszuprobieren, die Zeitansage an. „ Es ist neun Uhr zehn“, sagt die Stimme, „ danke“, sage ich. Sie wiederholt, „es ist neun Uhr zehn“, ich sage, „danke schön“. Wieder tönt es, „ es ist neun Uhr zehn“. Etwas genervt antworte ich, „danke, ich habe verstanden“! „ Es ist neun Uhr elf“. Jetzt stutze  ich, begreife und bin froh, dass mir keiner bei meinem Gespräch mit einem Automaten zugehört hat.

Manchmal sagt das Telefon gar nichts, die Leitung ist tot, dann telefoniert die Dame mit dem Dackel aus dem Nachbarhaus, wir haben einen Doppelanschluss.

Eines Tages erscheint ein Mann von der Telefongesellschaft, er sagt, dass er den Apparat warten muss. Er nimmt den Fernsprecher auseinander, putzt alle Teile und setzt sie wieder zusammen. Jahre später stellt uns Reiko, mein ehemaliger Schüler, ein neues Telefon auf. „Wann muss es gewartet werden“? frage ich. „Wie gewartet“? Ich erzähle von dem Telefongesellschaftsmann. Reiko stutzt, nimmt den alten Apparat auseinander und zeigt mir eine Wanze. Ich staune, „das ist ein Ding, waren wir so wichtig?“

Viele Leute haben heute noch ein zweites Telefon, ein Handy. Zum ersten Mal erleben wir in Israel, wie dieses Ding zu einer Unsitte verkommen kann. Wir warten auf den   Inlandflieger, neben uns steht eine Gruppe Jugendlicher im Kreis. Sie sprechen lebhaft, alle.  Da sehen wir, sie haben ein Handy am Ohr, reden durcheinander, nicht miteinander.

 Wird dieses Gerät zur Verständigung, für Benachrichtigungen, wichtige Informationen, bei Unfällen und Pannen eingesetzt, kann es wichtig, sogar lebensrettend sein. Wenn es aber benutzt wird, um lauthals in der S –Bahn die Vorzüge eines Jungen, was er gesagt hat und was sie geantwortet hat, der Freundin mitzuteilen, wird das Ding zu einer peinlich lästigen Unerzogenheit.

Im  Reisebus erklären sich die Chormitglieder die Funktionen ihrer Handys, wie man damit Fotos schießen, sich etwas schreiben, den Klingelton verändern kann. Mein Handy ist ein bisschen altmodisch, etwas größer, kann keine Bilder machen, eben nicht das Neueste. „ Ruf deine Gesellschaft an, das tauschen sie dir für einen Euro um.“ Ich spreche darüber mit dem Sohn.„ Bist du mit deinem Handy zufrieden“? fragt er. „Ja“. „Kannst du es gut  bedienen“? „ Ja“.„Warum willst du es dann umtauschen“? Ich behalte mein zuverlässiges, vertrautes Handy. Fast wäre ich dem Gruppenzwang erlegen.

Das ein neues Telefon so seine Tücken haben kann, mußte ich nach meinem Umzug erfahren. Das Ding hat eine Basisstation und ein Mobilteil mit Anrufbeantworter. Ich schließe die Basisstation an und will das Mobilteil benutzen. Es sträubt sich, sobald ich es betätige, sagt es, „rufe eins“ Was soll das? Hilflos hantiere ich damit herum, gehe zur Basisstation und halte das Teil in die Nähe, nichts, „rufe eins“ Ich sage, „hier ist eins, was willst du?“ Neuer Versuch, „rufe eins“, tönt es. Entnervt rufe ich die Tochter an, „was soll ich machen, mein Mobilteil sagt dauernd, - rufe eins-, ich habe ihm schon die Basisstation gezeigt, es erkennt sie nicht und bleibt bei- rufe eins“. Da lacht die Tochter, „das Telefon hört dich nicht, es sieht auch nicht, lies doch mal die Gebrauchsanweisung.“

Das bleibt nicht der einzige Ärger. Meine neue Nummer hat zuvor zu einer Hals-, Nasen-, Ohrenpraxis gehört“. Etliche Tage erkläre ich den Anrufern, dass die Praxis nicht mehr existiert und sie einen Privatanschluss gewählt haben. Dann wird es mir zuviel und ich verpasse dem Apparat den Text, „Hier ist der Anschluss von Edda Winkel.  Sie  können  mir  eine   Nachricht   hinterlassen.

H-N-O-Patienten rufen bitte woanders an oder machen sich einen Halswickel“. Eine Zeit geht das ganz gut, ich höre mal „oh“, mal nichts, mal lachen, die Anrufe werden seltener. Einmal aber übermittelt der Anrufbeantworter, „blöde Kuh“. Da ändere ich meinen Text.

Schade, dass sich mein Kater nicht aufs Antworten trainieren lässt. Zwar stürzt er stets als erster zum Telefon, wenn es klingelt, er schmeißt auch den Hörer von der Gabel, wenn ich nicht zu Hause bin, aber zu mehr ist er leider nicht in der Lage.

                                            

                                                                                                                                   


An der Oder

Die kleinen Fenster lassen einen Blick auf die Oder zu. Ich beeile mich, mit dem Karfreitagsfisch fertig zu werden und begebe mich zum Ufer.  Nur wenige Menschen auf der polnischen Seite, jenseits des stark fließenden Wassers! Nicht einmal im Sommer würde ich es wagen, den Fluss zu queren, sie schwimmend zu erreichen.

Das Wasser steht hoch, die vorgeschobenen Dämme  sind davon bedeckt, man kann sie nur ahnen. Richtung Frankfurt verliert sich der Blick über dem in der Sonne gleißenden Wasser. Nach Norden dreht der Fluss, verschwindet in einer kilometerlangen Schleife.

Den Weidenbaum zu meinen Füssen hat der Biber gefällt, deutlich verrät es der gleichmäßig benagte, wie beraspelte Baumstumpf.

Oft schon gewährte mir die Oder diesen weiten Blick. Wie viel Wasser ist dabei an mir vorbeigeflossen? Bei einer Fließgeschwindigkeit von mehr als einem Meter in der Sekunde möglicherweise ihre gesamte Wasserflut? 

Der Fluss fließt und fließt. Woher das ganze Wasser? Unmöglich kann  das die Quelle, die zum kleinen Gebirgsbach in Tschechien wird, schaffen. Die Oder nimmt viele Zuflüsse auf. Ich habe gesehen, wie die Neiße fast gleichberechtigt an einer Gabelung einsteigt, habe nach Eisstau, Schneeschmelze oder andauerndem Regen die Überfülle wahrgenommen.  Alte Leute erinnern sich, 1947 stand das ganze Oderbruch unter Wasser, verheerend auch die Flut 1997, als die Deiche brachen.   Der Fluss ist unbeeindruckt geblieben, er tut, was  er tun muss, bringt sein Wasser ins Haff und in die See. Versucht der Mensch, ihn zu begradigen, einzudämmen, seinen natürlichen Lauf zu verändern, folgt er weiter seiner Bestimmung, drängt zum Meer.

Was zieht mich an, ist es die schlummernde Kraft des Flusses, ist es der weite Blick von den Oderhängen?

Ich sehe mich um, Zeit für Adonisröschen. Viele Menschen sind gekommen, die Gelben zu sehen. Keiner wagt es, die Schönen, Naturgeschützten auszugraben. Jeder beargwöhnt jeden - im fetten Gartenboden würden sie ohnehin nicht überleben -also dann wenigsten ein Foto! Ich bin nicht frei von dieser Sucht, Gefundenes festzuhalten,  habe Glück, fotografiere eine kleine Biene auf großer Blüte. Auch sie folgt ihrer Bestimmung. Die Röschen lassen sich nur wenige Tage sehen, bevor sie ihren Fruchtstand bilden und schließlich im Boden verschwinden.

Hinter mir strömt der Fluss, unaufhaltsam, ungerührt.

Wieder auf dem Hang blicke ich zurück. Auf dem Wasser treibt ein kahler Ast  sehr  rasch vorbei. Die Oder strömt und strömt, sie kann nicht anders und ich bin  sicher, sie wird sich wieder in Erinnerung  bringen, wird Eis bilden und auftürmen, Schmelzwasser und Regenmassen aufnehmen. Und wehe wer sein Haus in Ufernähe  gebaut hat. Auch hinter dem Deich ist es nicht sicher, Menschenwerk.

Der Strom fließt,  muss fließen, er führt sein Wasser,  er ist nicht aufzuhalten.

Was zieht mich an den Fluss?

Ich bin der Fluss, das ist mein Leben. Wie er bin auch ich aus dem Nichts in die Welt gekommen, hatte  sorglose Kindertage gleich dem verspielten Gebirgsbach. Es folgten lernen, arbeiten, von allen Seiten aufnehmen, Kluges, Gutes , manchmal Böses, hatte ruhiges Wasser, Adonisröschen und brechende Deiche. Immer weiter strömt der Fluss, folgt seiner  Bestimmung.

Meine Bestimmung ist Leben, ist fließen. Am Ziel wird mein Leben eintauchen wie die Oder ins Meer, wird sich mischen mit anderen Wassern wird da sein und  nicht da sein.                             


Das Pendel

Ruhlos schlägt es, immer gleich ist sein Takt,

wechselt ständig  die Seite,

gewinnt nichts an Weite.

Zeit verrinnt, wird zerhackt.

Unüberhörbar  tönt´s wie bei Händel,

Gleichmaß  im Zweiachteltakt,

schaukelgleicher Alltagstakt,

rechts hin, links her geht das Pendel.

Hält ein es in seinem dauernden Lauf,

wird stumm es und still

 ist`s  nicht  wie ich`s will;

ich zieh die Gewichte wieder hinauf

und schau nach vorn, bisweilen zurück

Pendel  pocht - da  bin  ich, ich bin,

habe noch Zeit, geh später dahin;

bin noch im Takt - bin noch im Glück.  

 

 

Die Zeit

Du kannst sie nicht sehen, nicht hören, nicht schmecken.

Ich kann mit ihr gehen, mich vor ihr verstecken.

Sie bezaubert als  rauschende Regenzeit,

Dann erstarrt  sie, ist müde, wird Trockenheit.

 

Zeit  hier -  und auch da, -  und um uns herum,

Verdreht uns den Kopf, sind vom denken schon krumm.

Erst rasend mit höchster Geschwindigkeit,

Dann lahmendes  Rätsel, -  nicht fassbar ist Zeit.

 

Sie benagt unser Leben und auch die Figur.

Überhaupt keine Zeit hat die tickende Uhr,

die immerfort schlägt und ruhelos treibt.

Steckt darin ein Sinn, ist Zeit uns geneigt?

 

Mal uralter Mann, der mit Peitschen uns schlägt,

dann lustige Dame, die Falten ausprägt,

Zeit scheint  Frechheit und Freiheit und großes Programm,

Man muss sie sich nehmen, dann hält sie kurz an.

 

Wer das Alter nicht ehrt, ist des Alters nicht wert.

Du hast wohl ´ne Panne, sage ich genervt, als mein Auto beim Öffnen losbrüllt: däh, däh - däh, däh! Ich gehe zur Beifahrerseite, schließe auf, däh, däh - däh, däh, lärmt es weiter. Ratlos schaue ich zum Piktogramm über mir, es scheint zu spotten: Mein Name ist Hase, ich weiß von nix. Dabei hatte mir dieser Hase gerade noch auf dem riesigen Einkaufsparkplatz freundlich den Weg gewiesen.

Stille. In der eintretenden Pause springe ich ins Auto, starte und weg. Jetzt wirst du wohl Ruhe geben! Doch nach kurzer Zeit zucke ich beim Fahren heftig zusammen: Däh, däh – däh, däh! Während der Fahrt? Das gab es noch nie. Ich kann doch nicht mit dem brüllenden Wagen durch Berlin fahren, halte an, bewege jedes Schloss, starte, stoppe, starte, jetzt endlich Schweigen. Zufrieden fahre ich weiter. An der großen Bahnschranke habe ich Glück, sie öffnet gerade und ohne anzuhalten überquere ich die Geleise. Da kreischt es wieder los: Däh,däh – däh,däh! Entsetzt schauen die Frauen an der Haltestelle, die Männer mustern mich verwundert, dann lächeln sie mitleidig. Niemand scheint mir zuzutrauen, dass ich das Auto gestohlen habe.

Es nützt nichts, ich muss zur Werkstatt. Auf dem langen Weg dorthin kein giftiger Ton mehr, nur das leise Schnurren des Motors ist zu hören. Nanu? Und dann fällt mir ein, ich habe beim Hasenschild aus Gewohnheit die defekte automatische Türöffnung betätigt und beim letzten Halt erneut. So, so, da lasse ich mir Zeit mit der Reparatur und fahre nach Hause.

Das wird bestraft. Als ich am nächsten Morgen starten will, streikt die Batterie. Die Pannenhilfe muss kommen. Und was zieht der Monteur als erstes unter der Motorhaube hervor? Die Reste einer Elster, die hat ein Marder versteckt, verspeist und gehortet. Es ist nicht das erste Mal, dass er mir ein paar Federn hinterlässt. Persönlich hat er sich noch nicht vorgestellt. Meister Klemusch meint: Wenn Sie nachts immer am gleichen Parkplatz stehen, passiert nichts. Er wohnt da, hat sich das Auto als Revier erwählt, daran vergreift sich nicht. Der Meister behandelt seit Jahren jedes Auto unserer Familie, ich vertraue ihm und versuche nicht, den Marder zu verjagen.

So fällt mir auch nicht ein, meinen heimlichen Untermieter wegen der defekten Verriegelung zu verdächtigen. Mein Auto ist betagt, zeigt Altersschwächen und hat sich genau wie ich ein paar Macken zugelegt.   

 

    

Der Tag ist gerettet 

Nachdem ich zwei trübe Tage vertrödelt, Zeit vergeudet habe, strahlt heute der Himmel blau. 

Genau das richtige Wetter für den lang geplanten Tierparkbesuch. Das ist die Gelegenheit, endlich den neuen Wintermantel auszuführen. Wochenlang hing er im Flur als Mahnung auf dem Weg zum Kühlschrank. Wirklich er passt, wirft nicht länger Querfalten. Beschwingt mache ich mich auf den Weg.

An den Kassen sammeln sich erste Menschengruppen. Ich eile vorbei, habe noch eine letzte Karte vom Chorauftritt beim Tierparkfest. In Zukunft wird es keine verbilligten Karten mehr aus diesem Anlass geben und der volle Eintrittspreis berappt werden müssen.

Hinter den Toren beim riesigen Bollerwagen-Geschwader sammeln sich Menschen zu einer Führung über lateinamerikanische Tiere. Ich eile vorbei, so kann ich mein Tempo selbst bestimmen und Pause machen, wo es mir gefällt, eine kleine Isoliermatte steckt in meiner Tasche.

Der vertraute, seit 50 Jahren immer wieder gewählte Weg führt zu den Eisbären. Die liegen in der Sonne auf den Felsen, einer schläft, ein zweiter räkelt, streckt sich und gähnt. Der dritte versucht vergeblich, den auf einer treibenden Scholle befestigten Baumstamm ins Wasser zu stoßen, Langeweile hat er nicht, die Besucher freut´s.

In den engen Außengehegen des Brehmhauses drängen sich die Großkatzen, im Haus wird gebaut. 

Das Fell der eleganten schwarzen Panter lässt unter der Sonne die versteckt vorhandenen Leoparden-Rosetten schimmern. Auch hier wieder lagern zwei auf erhöhter Position, der dritte aber streift unruhig längs des Gitters hin und her. Er fährt auf, als im Nachbargehege ein sibirischer Tiger erscheint. Auch der reagiert nervös, faucht gereizt. Ich staune über eine junge Frau, die ihrer Mutter erklärt: Die wollen zusammen spielen!

Bei den Pinguinen herrscht Brutstimmung, viele Höhlen sind besetzt. Das elegante zügige Schwimmen, bei denen die Tiere unter Wasser zu fliegen scheinen, entfällt heute leider. Dafür steht ein Graureiher auf der Anlage, unbeweglich, Auge in Auge mit einem ebenso reglosen Pinguin.

Riesenkrach bei den Papageien und Scharen von Menschen vor ihrem Gehege, nicht meine Tonart.

Wie immer mache ich später bei den Wölfen halt, es ist nicht ihre Tageszeit, dennoch bleibe ich lange, ein prächtiges großes Tier ruht auf einer kleinen Anhöhe, den Kopf mir zugewandt. Schön Dich zu sehen, deine Artgenossen siedeln wieder im Umland. Schade, dass du keine Chance mehr zum freien Leben hast, bist den Menschen zu nahe gekommen.

Die Graureiher schert das nicht, sie sind freiwillig da. Hoch über mir in den Kronen der alten hohen Buchen sind sie dabei, sich niederzulassen, Horste zu besetzen, auszubessern und zu verteidigen, ein reges Treiben. Ich sitze in sicherer Entfernung. So sehr ich euch bewundere, meinen Mantel lasse ich nicht bekleckern.

An den Kamelwiesen vorbei wende ich mich allmählich dem Ausgang zu und werde aufgehalten vom leuchtend gelben Blütenteppich des Scharbockskraut. Nach dem Kalender ist es noch Winter. Die Natur aber arbeitet am Frühling. Mir hat sie einen Tag geschenkt.

 

 

Das Leben kann so schön sein!

Manchmal, dämmert das Leben so vor sich hin, die Tagesabläufe gleichen sich wie ein Ei dem anderen, unterbrochen von Aktivitäten, die sich von Woche zu Woche an bestimmten Tagen wiederholen. Solche Strukturen und Gewohnheiten geben Sicherheit und sind sogar angenehm. Warum bleibt ein Hauch von Unzufriedenheit? Es fehlt das Besondere, das Abweichende, das Schöne. Dazu kommt, dass ich den Austausch mit Gleichgesinnten benötige. Das heißt also, ausbrechen aus gewohntem Trott, die eigene Trägheit überwinden, Zipperlein ignorieren.

Und so bin ich mit dem Chor nach Leipzig gefahren. Abends konnte ich lange nicht einschlafen wegen eines beglückenden Gefühls von Lebendigkeit, vergessen die schmerzenden Knie im Bus und  der lästige Regen bei der Stadtführung.

Dieses Gefühl bleibt, ich beobachte es und merke, es sind die Chormenschen mit ihrer Fürsorge, die mich beflügeln. Es ist die Möglichkeit, im Gewandhaus zu Leipzig mit Mitwirkenden aus Japan, Norwegen und aus zahlreichen Bundesländern beim Programm „Grieg in der Schule“ mitzuwirken. Es ist der gemeinsame Gesang nach dem Abendessen im  alten Rathaus. Es sind die Frauen, die mich auf dem Heimweg unterhaken und stützen. Es ist meine neue rücksichtsvolle Zimmernachbarin Sybille ebenso wie meine Freundin, die ihren Mann dabei hat und die beim Frühstück laut zu Sybille sagt: Im Chorlager will ich Edda aber wiederhaben. Es sind die vielen kleinen Freundlichkeiten, die mich beleben.

Es gibt Menschen, die  benötigen Anderes, Lebendigkeit zu spüren. Im Asisi Panometer Leipzig  erahnen wir in scheinbar 6000 Meter Höhe im „Tal des Schweigens“ etwas von dem unwiderstehlichen Drang der Bergsteiger, sich in die Todeszone des höchsten Berges der Erde zu wagen und den Gipfel zu bezwingen. Kein Hubschrauber kann dahin gelangen.

Höher noch sehen wir eine Kette Streifengänse, sie sind in der Lage, dieses Gebirge jedes Jahr zweimal zu überqueren.

Wir hören von Erfrierungen, Stau auf der Süd-Route, Neigung von 45 Grad an der Nordwand des Mount Everest, Chomulungma nennen ihn die Tibeter, Mutter des Universums.

Und dann zeigt uns unsere Führerin ein Foto, das mich erstarren lässt: 200 Bergsteiger, die den Kampf verloren haben, erfroren in ihren Schlafsäcken in der Todeszone. Niemand kann sie hier wegholen, denn jeder, der herauf steigt, hat nur ein knappes Zeitfenster, den Berg zu bezwingen und lebend zurück zu kehren.

Es graust mich und macht mich doch froh, als ich höre, seit zwei Jahren kommen Schneegeier hierher und tun das, was die Natur fordert.

Selbst, wenn ich wollte, lässt mein Körper solche Abenteuer nicht mehr zu, ich bedaure das nicht.        

            


Carlos II

Carlos ist ein faltbarer Gehstock aus Aluminium mit einem Griff aus lackiertem Hartholz. Zusammengefaltet passt das Leichtgewicht in die Handtasche. Bei längeren Wegen ziehe ich ihn auseinander. Es ist bereits der zweite Stock, mein erster ähnlicher hatte lila flammend auffällige Muster.

Meistens stand er in der dunklen Ecke hinter dem Schrank. Meine Eitelkeit bevorzugte Stockschirme.

Die aber werden bei Reisen zum Hindernis und so wurde der lilafarbene nach Jahren erstmals mitgenommen, von den Mitreisenden in seiner Farbigkeit bewundert , von mir von Zeit zu Zeit aus der Tasche ans Licht geholt und wiederholt in Straßencafe´s vergessen. Manchmal merkte ich das schnell und eilte zurück. In Riga trugen aufmerksame Mitreisende ihn mir vom Marktstand mit den handgewebten Beuteltaschen hinterher. So eine Tasche mit aufgedruckten Klavierkatzen hängt jetzt bei mir im Flur. Der Stock jedoch blieb endgültig in Lettland stehen.

Wieder zu Hause rächte sich der Verlorene. Ich bin nicht abergläubisch, aber wie sonst soll ich mir das plötzliche Versagen meiner Beine erklären? Einen wirklichen Grund fanden wochenlang mehrere Mediziner nicht heraus, bis mich meine Freundin Carla zu ihrem langjährigen Doktor Rainer K., einem Spezialisten in Knochenangelegenheiten mitnahm. Der freundliche Doktor beobachtete, befragte, begutachtete mich aufmerksam. Mit seinen besonderen Händen drückte und zerrte er an Lendenwirbeln und Hüftgelenken bis es leise knackte.

„Wie ist das jetzt?“, fragt er, als ich von der Liege aufstehe. Verblüfft antworte ich: „Viel besser, ich glaube, ich kann mich normal bewegen!“ Er lächelt, warnt mich vor dem kommenden Muskelkater, rät mir zu allen möglichen Hilfsmitteln, sieht die Ursache in vielen kleinen Erscheinungen, die sich summieren und bestellt mich in ein paar Wochen erneut zu sich.

Ich beschließe mir einen neuen Handstock zuzulegen. Charlotte hat auch einen, beim Warten auf den Fahrstuhl hängt sie ihre Tasche daran, zusätzliche Entlastung. Am besten gebe ich dem neuen einen Namen, damit ich ihn nicht wieder schnöde irgendwo vergesse. Hans, Karl, Joachim, Carlo ? Carlo gefällt mir, Carlo der Zweite!

So kommt der erste Stock nachträglich auch noch zu einem Namen.

Für diese Geschichte untersuche ich den Neuen genauer, freue mich über den feinen Messingring unter dem polierten hölzernen Handgriff, der sich schmeichelnd in meine Hand legt und den Gummifuß, der sicheren Halt gibt, entdecke erstmals einen Mechanismus mit dem er sich verlängern lässt.

Er ist ein schöner Stock, silbern glänzen Blüten und Blätter auf weinrotem Grund.

Da steht er, Carlo der Zweite ist mein Stock!

 

 

Wolken am Himmel

 

Siehe da, zwar spärlich noch,

aus der dunkelgrauen Decke

lugt hervor ein blaues Loch

und der Wind ruft: Recke

Himmel deine Schönheit,

breite sie gleich Flügeln aus!

Dicke Wolken fliehen eilig,

schau die Sonne äugt heraus.

Trüb und grau war auch mein Sinn.

Die Gedanken lasteten -

warum ich hier, wozu ich bin,

gingen rückwärts, haspelten -

altes Glück, vorbei, vorbei.

Im Voraus nur diese Sicht -

Zipperlein und Tee von Salbei,

schönes Wetter kommt mir nicht.

In der Sonne berghoch saß ich,

unter mir ein Wattewogen,

Flugzeug durch die Wolken stieß

adlergleich hinauf, nach oben.

Strahlend schön war´s, nichts von grau.

Ich denk freudig,

über Wolken ist der Himmel

auch bei trübem Wetter blau.

 

 

Mein Hund Oskar

Wie wir darauf kamen, weiß ich nicht mehr. Ich befrage meine Kinder nach den Begriffen d e b i l und s e n i l. „Das reimt sich“, sagt die Tochter. „D e b i l kann jeder sein, ist angeboren“, sagt der Sohn.„S e n i l bedarf einer gewissen Reife“, sage ich. Wir lachen, aber wirklich komisch ist das nicht, zumal ich Alte mir immer wieder mal Sorgen mache, wenn ich nicht weiß, was ich gestern im Fernsehen gesehen habe, wenn mir ein Name nicht einfällt, wenn ich vergessen habe, was ich aus der Küche holen wollte. Ja, ja, was du dazu sagen willst, weiß ich: „Geh an den Ausgangsort zurück, dann fällt es dir wieder ein!“

„Neue Erkenntnisse besagen“, verkündet der Gesundheitsmensch im Fernsehen, „besser als Kreuzworträtsel lösen, hilft Bewegung an frischer Luft, warum, wissen die Forscher noch nicht.“ Wird wohl was mit Durchblutung zu tun haben.

Warum begebe ich mich trotzdem nicht hinaus? Da gibt es einen Hund, meinen inneren, den man Schweinehund schimpft, ich nenne ihn Oskar. Er kennt erstaunlich viele Ausreden.

Ein Spruch im Wartezimmer beim Doktor mahnt: „Gehen Sie mit Ihrem Hund spazieren, egal ob Sie einen haben oder nicht!“ „Gehen wir also, mein lieber Oskar!“, denke ich. Da zieht er den Schwanz ein, und ich mach mich auf den Weg; Oskar trottet hinter mir her.

Unterwegs beobachte ich einen Schwarzspecht beim Ameisen sammeln. Seine rote Kappe leuchtet in der Sonne. Meine Laune bessert sich, und nun läuft Oskar zügig voraus.

…..Was war es noch, was helfen soll beim richtigen Umgang mit der gewissen Reife?

Richtig, Musik machen, möglichst neue Stücke probieren. Den richtigen Fingersatz zu den Noten suchen, Tempo, Töne, Rhythmus in Einklang bringen, also Sinne und Gehirn vielseitig ankurbeln.

Ich entstaube also  meine Gitarre, stimme sie, grabe Noten aus, probiere. Die Gitarre schnarrt und klirrt fürchterlich, mein Hund jault jämmerlich. „Ganz schön holprig!“, denke ich. Die Spielfertigkeit hat gelitten, nur langsam komme ich voran. Oskar hat sich verkrochen.

Ich nehme mir vor, jeden Tag ein bisschen zu üben, dann muss er sich nicht mehr verstecken.

Aber da war noch etwas, was hat der Mensch im Fernsehen als Drittes gesagt.  Es fällt mir absolut nicht ein …

Telefon! „Bring Dir warme Sachen mit“, sagt Amrei, „damit wir im Garten sitzen können. Wir werden siebzehn Leute, die krieg ich nicht alle ins Haus!“

Aha, jetzt weiß ich es wieder: „Soziale Kontakte sind wichtig!“ Dazu sagt Oskar gar nichts mehr.

 

 

Das ist mir richtig schwer gefallen

Martina lacht als ich sage, wie kommen die Bilder nun wieder raus aus dem Smartphone?

Ja das Smartphone, eigentlich wollte ich keins, dann kam ein günstiges Angebot und ich dachte, wenn ich nicht zurück bleiben will, muss ich jetzt einsteigen..

Der Bruder ermuntert mich: Das schaffst du schon, lies`te die Gebrauchsanweisung eben dreimal. Das ist schwerer als gedacht, die Schrift ist winzig. Eine neue Brille muss her, das Smartphone wird teurer.

Dann höre ich von einem Kurs für Senioren zur Bedienung solcher Geräte in der Volkshochschule, das Smartphone wird teurer.

Schon kann ich mit dem Ding telefonieren, navigieren, ins Internet gehen, mit Freunden mailen, Whats App nutzen, Fotos schießen und verschicken. Die Frage an Martina beantwortet sich problemlos.

Wenn es nur mit dem Erlernen des lettischen Liedes Lielupe, das wir zur Chorolympiade in Riga auswendig singen sollen auch so einfach ginge. Lettisch ist die älteste heute noch lebendige indoeuropäische Sprache, schwer zu erlernen und zu sprechen. Wir erhalten eine Umschrift.

Da steht nun der Text mit Sonderzeichen, abweichenden Buchstaben, besonderen Aussprachehinweisen  auf einem Blatt, die Noten aber mit dem Originaltext auf einem anderen. Das bringe ich nicht auf einen Nenner.

Zum Glück kommt eine Muttersprachlerin, spricht Zeile für Zeile vor, wir sprechen nach, singen es, die Lettin nickt freundlich.

Dann aber geht es erst richtig los. Haben wir bis dahin intoniert mit „na, na, na“ und „du, du, du“ wird jetzt lettisch gesungen.

Ulrike, die sonst bei neuen Programmen eine Mitschnitt – CD herstellt, kann nicht helfen, dieser Titel findet sich nirgends. Zu zweit gehen wir zur Stimmbildung und lassen uns von Anna bei der richtigen Betonung und Atmung helfen.

Ich versuche zu Hause allein zu singen. Schon beim ersten Satz stecke ich fest.

Also bleibt mir nichts anderes, ich schreibe den Text ab und pauke Zeilen:

Täiz,maßinja Lielupiete, kaß tawai purinjai.

Schon nach dem dritten Wort weiß ich nicht weiter, also kürzere Wortgruppen bilden. Es dauert bis ich mich an die nächsten Takte wage:

Mamelite satuleeja, Mußabära ßudra binj.

Wie ein Mantra murmel ich die schwierigen Worte immer wieder vor mich hin.

Wenn ich wenigstens wüsste was ich da lerne, der Text wurde uns übersetzt, ich habe mir nur gemerkt, dass die Lielupite ein Fluss ist. Warum nur will der Chorleiter uns ausgerechnet so etwas Schwieriges auswendig singen lassen?

Bei der nächsten Probe verblüfft er uns, er der sonst kaum die Texte beherrscht, kann den Wortlaut, gibt Wortgruppen vor, spickt sie mit Eselsbrücken, tut alles, uns zu helfen. Ich kann es mir trotzdem nicht merken.

Jetzt muss das Smartphone helfen. Eine Aufnahme - und Wiedergabefunktion wird aktiviert um Probenabschnitte festzuhalten.

Zu Hause tönt es zackig von unseren Frauen aus dem Smartphone: Ik nakßninjaß mäneßtinieß täzetäwi lukua ttjeß. Der Chorleiter spricht dazwischen, Achtung Männer!

Und dann singen alle: Mäneßtineß baleliniß… und so weiter bis zum

wiegenden gebundenen Schlussgesang: Lielupiete digupite ...

dazwischen höre ich abgeschnittene Worte des Chorleiters: Der Sopran muss…

Ja schade, da habe ich die Fertigtaste zu früh gedrückt. Was muss der Sopran? Hat er auch etwas zum Alt gesagt?

Wenn du nun denkst, jetzt kann sie es bestimmt, antworte ich, nee es hat noch gedauert.  

Drei Monate lang hörte ich LIelupe jeden Morgen, immer nur einmal, weil es schade gewesen wäre, wenn aus dem schwierig schönen Lied ein lästiger Ohrwurm geworden wäre.   

                                                                                                                                             

                                                                 

Die Geschichten kehren zurück

Gestern ist eine Kranichkette übers Haus gezogen. Ihr durchdringendes trompetendes „Gurruh“ hat mich aufsehen lassen. In Keilformation zogen sie mit langgestrecktem Hals, langen Beinen und ausgespreizten Handfittichen dahin. Das Frühjahr meldet sich. Die Blättchen an den Sträuchern drängen spitznasig aus den Knospen.

Was die Kraniche noch nicht schafften, hat meine Freundin Renate erreicht. Sie hat mich aus meiner Winterstarre befreit.

Seit einem halben Jahr plage ich mich mit dem Versuch, ein Buch für Kinder über das Leben von Kindern in der DDR zu schreiben. Wie viele Geschichten ich geschrieben und wieder verworfen habe, kann ich nicht sagen. Die ersten erinnerten an Agitation, die nächsten gerieten zum Geschichtsunterricht. Dann traf ich nicht den Kinderton. Ich versuchte es im E- Mail Austausch mit Nichte Jenny. Wir fanden nicht den richtigen Draht. Der Verleger riet zu gleicher Zeit, gleichem Ort und treibendem Element, es entstanden Geschichten aus dem Schrank, erzählt von Tante Finchen für Leon. Immer noch war alles eher für Erwachsene als für Kinder geeignet. Du musst aus der Perspektive des Kindes schreiben, rät der Autorenstammtisch. Also werde ich zu Leon, versuche wie ein kleiner Junge zu denken und zu fragen. Zu wenig Höhepunkte, nicht interessant genug, sagt Eva. Und wieder schreibe ich um, verfasse neue Geschichten. Beim zweiten Lesen gefallen sie mir nicht mehr. Es ist der sechste Versuch, eine Qual, wo ist meine Schreibfreude geblieben? Wenn ich weiter herumexperimentiere, werde ich wahrscheinlich doch noch etwas zustande bringen. Aber kann es gut werden? Bin ich nicht zu alt für die heutigen Kinder? Sie leben schon in einer anderen Welt, zu der mir der Zugang immer mehr schwindet. Hatte ich nicht mit dem Schreiben begonnen, meine Seele zu erleichtern?

Renate hört sich alles an, erkennt meine Not und bestärkt mich, als ich sage, dass ich am liebsten alles auf Eis legen würde, mich nicht länger unter Druck setzen will. Wie klug sie ist, sie spricht von der Wirkung meines ersten Buches, erinnert mich an meine Möglichkeiten, Tier- und Menschenwelt zu verknüpfen. Sie macht mir Mut zu schreiben, wonach mir der Sinn steht. Es wird mir leichter. Zum ersten Mal seit langer Zeit gehe ich ohne quälendes Grübeln schlafen.

Ein neuer Tag, ich räume auf! Alle Geschichten, fertige und angefangene, speichere ich ab, und sie kommen in den Schrank. Da mögen sie liegen; kann sein, sie bleiben da für immer, kann sein, ich hole mir Einzelepisoden heraus, kann sein, ich starte eines Tages einen siebenten Versuch. Sie stören mich nicht länger.

Ich werde schreiben über Himmel, Wiese und Wald und Menschen, werde festhalten, wie der Wind mit den Schleiern der Weidenzweige spielt und die Morgensonne über dem Bahndamm blassrosa Wölkchen an den Himmel tupft.

Kraniche rufen hoch über dem Haus, ich stürze zum Fenster, sie sind nicht mehr zu sehen, macht nichts, sie sind da, wie meine Geschichten, die wieder zurückkommen.

 

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